Bildungsstreik – eine kleine Bemerkung

Soeben sitze ich in der Uni und habe einen Programmheft der „Offenen Uni“ vor mir. Der Titel macht neugierig, vielleicht will hier ja jemand ein Studium Generale für jedermann machen. Und: Ja das will jemand, nämlich der ASTA der Uni Mainz.
Allerdings ist dieses here Anliegen ein wenig überlagert von politischer Motivation. Durch Samba, Theater und Vorträge aus dem akademischen Mittelbau soll hier die Uni die Bildungslandschaft umgestalten und die EU aus ihren Entscheidungen zwingen. Uni Bolognese mag wohl keiner mehr. Das scheint vor allem am Hackfleisch zu liegen, denn eine weitere wichtige organisatiorische Grundentscheidung für die „Offene Uni“ (die übrigens in der Kampffarbe Gelb erscheint – aber mit Liberalismus hat das wohl wenig zu tun), ist das Angebot von veganen Speisen auf den Campuswiesen. Klar, da braucht keiner sein Essen mitzubringen und das vegane Essen wird auch nicht von der bösen EU gefördert. Ich kenne auch keinen italienischen Veganer.
Damit es keiner falsch versteht: Veganer sind keine schlechten Menschen, sondern sie teilen eine gemeinsame Idee, nämlich die Welt besser zu machen. Wer von uns tut das nicht gerne. Das eigentlich Spannende an diesem kleinen Programmheft ist die Zusammenstellung. Hier treffen sich Kritiker von Kolonialismus, Globalisierung und freilich auch vom Bildungssystem. Aber auch Verfechter von Esperanto, Menschenrechten und Bioernährung. Noch einmal: Für sich genommen kein Problem und jedermanns gutes Recht.
Doch wage ich es, einmal die Frage zu stellen: Ist das effektiv? Allein die Zusammenfassung des Bundesweiten Bildungsstreiks 2009 in den Nachrichten umfasste eine reiche Liste an Kritikpunkten, die eigentlich wohl nur in einer Revolution zu klären wären. Diese Masse zersplittert sich jetzt alleine an der Universität Mainz in die oben genannten Dinge. Die Idee dahinter war, Bildung selbst zu organisieren. In freier Art und Weise, eben nicht so, wie die Herren und Damen Bildungsminister und Bildungsministerinnen es wollen. Leider schwenkt aber jede dieser Veranstaltungen gleich eine kleine moralische Keule von Links über die Mitte nach Rechts.
Was bleibt da für den Studenten, der sich nicht normalerweise zum Sit-In trifft, der nicht gerne auf Straßendemos läuft, der gerne Fleisch isst und der auch mal die Vorzüge internationler Beziehungen schätzen will? Oder eine fundamentale Frage: Funktioniert dieser Bildungsstreik überhaupt? An welchem Hebel setzt er an? Gibt es einen Mechanismus, der jetzt in Gang kommt? Bevor man auf die mangelnde Unterstützung rekurriert, was im Moment dank eines starken Selbstbewusstseins und einer (wer denkt da an den SPD-Parteitag) inneren Moralisierung noch dauern wird, sollte man sich diese Fragen gefallen lassen und vor allem beantworten können.
Hier verpufft eine Idee in der schieren Masse – wer sich konzentriert, käme hier vielleicht weiter.
Ein Zeichen: Bei der Vollversammlung zum Beschluss des Streiks waren 250 Studenten (0,7%) anwesend. Diese Zahl unterbietet sogar die Schätzung der schärfsten Kritiker.
Was ich sagen will: Der Streik sollte ein Thema fokussieren und das Angebot weniger tendentiös sein.

Die Frage, ob „Streik“ überhaupt die Sache trifft und die Aktion nicht durch ihren eigenen Namen behindert wird, bedarf auch einer Klärung. Wer möchte?