Archiv für September 2009

Zwischendruch

Hallo! Es passiert im Moment nicht viel außergewöhnliches, weswegen ich mich auch mit Nachrichten zurückhalte. Nur eine kleine fachliche Skurrilität aus dem Uni-Alltag will ich euch mitgeben, nämlich aus der Judaistik:
Ich besuche derzeit eine Vorlesung über jüdische Medizinethik. Begleitend dazu habe ich das Buch eines amerikanischen Rabbi gelesen, das ein kleines Kompendium zu diesem Thema sein will. Dass uns dieses jüdische Denken in einigen Dingen etwas fremd ist, zeigen die folgenden Gedanken.
Gott belebte den Menschen (dem zweiten Schöpfungsbericht zu folge), indem er ihm das Leben durch die Nase einhauchte. Der Tod des Menschen geschah folglich dann, wenn dieser Lebensatem wieder durch die Nase entwich, also wenn ein Mensch nieste. In den ersten von rund 6000 Jahren die es die Menschen also nun schon gibt, starben diese, indem sie einmal niesten.
Bis Abraham kam. Der wollte nämlich vor seinem Tod gerne seine Erbschaftsverhältnisse klären und bat Gott deshalb, ihm ein wenig Zeit beim Sterben zu schenken. Seit dem starben die Menschen nicht mehr spontan beim Niesen, sondern fingen an dahinzusiechen, wenn sie älter wurden. Weil man sich heute aber noch bewusst ist, was das Niesen einmal für eine Bedrohung war und wie Gott sie verwandelt hat, sagt man immer wenn jemand niest: „God bless you“.
Ich hoffe das ist euch eine Lehre! ;-)

Kleine Hand, ganzer Finger – Die Katholische Kirche

Und wieder verbrachte ich einen der schönen Luzerner Sonntag. Bis zum Mittag ging ich entlang des herrlichen Sees und genoss dabei Landschaft und Verkehrstechnik gleichermaßen. Ich machte mir ein ausführliches Mittagessen und setzte mich mit (ein wenig zuviel) Kaffe und der NZZ am Sonntag für ein paar Stunden im Weltgeschehen fest. Zwischendurch wechselte ich den Standort in die Altstadt um von den Sonnenstrahlen zu profitieren oder um unzählige Fotos der schönen Kulisse zu schießen.
So langsam wurde es dann Zeit, meinen letzten Programmpunkt einzulösen, den Besuch des Gottesdienstes im byzantinischen (orthodoxen) Ritus. Damit kam dann zum ersten Mal Chaos in den sonst so schönen Tag.
Sobald ich mich in der katholischen Franziskanerkirche niedergelassen hatte, fiel mir ein, dass ich gar nicht wusste, welche Konfession hier eigentlich feiert. Denn es gibt sowohl mit der römischen Kirche unierte Konfessionen, die byzantinischen Ritus feiern, als eben auch die Orthodoxen, die zumindest äußerlich noch immer ein „filioque“ von Rom trennt.
Glücklicherweise kam mir das ausliegende Gemeindebuch zu Hilfe, denn dort war ein Stempel „Russisch-Orthodoxe Gemeinde Zürich“ zu finden. Nunja, wir waren zwar nicht in Zürich, aber die Bücher kommen nicht von ungefähr.
Als der Gottesdienst dann aber beginnen sollte, macht der anwesende Diakon noch eine Ansage und begrüßte einen Gast aus Syrien, einen melkitischen Erzbischof, der der Messe vorstehen sollte. Nun sind aber die Melkiten, ganz anders als die russisch-orthodoxen Christen, mit Rom vereint und dementsprechend erfüllen wir westlichen Katholiken auch dort unsere sonntäglichen Pflichten. Nur eben im andern Ritus.
Das Chaos wurde nun durch eine fast babylonische Sprachverwirrung gesteigert. Denn üblicherweise sind in dieser Gemeinde die Liturgiesprachen Deutsch und Französisch. Dazu kam aber, dass der Chor alle seine Teile auf Russisch sang. Und die Spitze war schließlich der Teil des Erzbischofs, der zwischendurch auf Arabisch seine Texte deklamierte. Die Folge war, dass die diversen Kleriker, der Bischof, drei Priester und ein Diakon, auch nicht immer so genau wussten, wer gerade welchen Teil schon gesagt hatte. Und so wurde die „Göttliche Liturgie unsers heiligen Vaters Johannes Chrysostomos“ zum Schauplatz der Völkerverständigung. Aus dem ganzen konnte ich aber noch heraushören, dass in der Litanei für den hiesigen, wohlgemerkt römisch-katholischen, Bischof Kurt gebetet wurde.
Nun war ich völlig desorientiert und beschloss, mir das ganze nocheinmal anzusehen, wenn mehr Routine herrscht und ich weiß, woran ich bin. Daher wechselte ich geschickt an der Stelle, an der die Katechumenen in der Liturgie entlassen werden, den Ort und begab mich in die nebenanliegende Kirche, wo der abendliche Gottesdienst der Hochschulseelsorge stattfand.
Dieser wurde ausnahmsweise von der Katholischen Studierenden Gemeinde aus Dresden gestaltet, die zu einem Gastbesuch in Luzern waren. Und um die Begegnung zu fördern, lud der Hochschulseelsorger nach dem Gottedienst alle Interessierten ein, sich bei einem Bier zusammenzufinden. Die Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen und folgte der Gruppe aus Dresden, ergänzt um zwei Studenten aus Luzern und den genannten Priester, in eine Kneipe.
So kam man ins Gespräche, wurde bekannt und siehe da (und siehe Titel): Schon war ich eingeladen, Dienstags Mittags zum Friedensgebet zu kommen, an einem der kommenden Sonntage Lektor und Kommunionhelfer zu machen und an den anderen Veranstaltungen der Hochschulseelsorge teilzunehmen. So schnell kann es gehen.
Nunja, es ist auch nicht ganz unattraktiv. Zu den Angeboten gehört unter anderem eine Fahrt zum CERN und ich hoffe über diese Kontakte die Möglichkeit zu bekommen, hier wieder Orgel zu spielen.

Erasmus

Gestern Abend folgte ich mal wieder einer der vielen Einladung der Universität an die Studenten, sich zu einem abendlichen Buffet zusammenzufinden. Diesesmal richtete sie sich an die Erasmusstudenten.
Organisiert war das Treffen vom studentischen Mobilitätsteam, was sich dann in den wenig strukturierten Ansagen äußerte. Insgesamt waren wir knapp 20 Studenten. Es war eine interessante Erfahrung, dass wir, bis auf die Australier, alle Deutsch miteinander sprechen konnten. Sogar der Komilitone aus Chicago sprach fließend unsere Sprache.
Im Prinzip ist die ganze Gruppe eine gute Sache: Jeden Monat im Semester gibt es eine gemeinsame Veranstaltung und man hat für alle möglichen Themen einen studentischen Ansprechpartner. Es gibt auch einen Deutschkurs und, weil so viele von uns es sich gewünscht haben, erstmals einen Kurs in Schweizerdeutsch. Soweit haben sich auch die ersten drei Mitglieder der Gruppe als kompetent und interessant erwiesen.
Leider gab es noch einen vierten Studenten, der es für absolut nötig hielt, das Erasmus-Klischee aufrechtzuhalten. Er würzte jeden zweiten Satz mit den Wörtern „Party“ und „Clubs“. Sein kultureller Weitblick und sein Weltverständnis beschränkten sich auf eben diese Topoi und so war er alles in allem laut, nervig und vor allem anstrengend. Naja, ihr könnt euch denken, dass ich von der Vorstellung ein Jahr lang mit Alkohol und Feiern zuzubringen wenig halte. Aber andererseits: Bin ich wirklich so langweilig? Nein ich glaube nicht.
Den Rest des Abends habe ich dann wieder einmal in einem der vielen Konzerte verbracht, diesesmal waren es Chöre aus dem christlich-arabischen Musikinstitut in Jerusalem. Weil die Veranstaltung bis 22 Uhr dauerte, konnte ich noch einige Bilder der nächtlichen Szenerie am See einfangen, ich habe die schönsten hochgeladen.

Die erste Uniwoche

Und wiedereinmal vergebe ich fünf Punkte an den aufmerksamen Leser: Es ist Donnerstag und ich schreibe einen Rückblick auf die erste Uniwoche. Was ist mit dem Freitag passiert? „Nun“, lautet meine Antwort unter einem Lächeln der Genugtuung, „den habe ich bereits vor dem Semester aus meinem Stundenplan gestrichen.“ Da auf den Freitag keinerlei Veranstaltungen fallen, die ich für besuchenswert erachte, widme ich diesen Tag dem Selbststudium und kann so schon heute auf die letzt Woche zurückschauen, was ich jetzt auch tun will.
Zwei Eindrücke sind bei dieser Universität bestimmend: Ihre Größe und ihre Weite. Mit der Größe meine ich dabei ihre Studentenzahl, und vor allem die der theologischen Fakultät. Insgesamt gibt es hier drei Fakultäten, eine juristische, eine kultur- und sozialwissenschaftliche und eben die meine. Die geringe Anzahl erklärt sich, wenn man beachtet, dass hier erst seit dem Jahr 2000 eine wirkliche Universität besteht, vorher gab es nur die theologische Fakultät. Und obwohl diese damit die Wurzel des ganzen Erfolges ist, führt sie doch ein wenig ein Randdasein, denn wirklich gewachsen ist sie wohl fast nie. Das besondere an der Größe ist also ihre Kleinheit.
Ingesamt studieren rund 250 Studenten Theologie und verwandte Studiengänge. Das führt dazu, dass die Lehrveranstaltungen meist mit ziemlich kleinen Stückzahlen besetzt sind, die Extreme liegen zwischen 7 und ca. 30. Dementsprechend klein sind auch die Hörsäle, die sicherlich anderen Fakultäten zumeist als Seminarräume dienen. Es fällt also schwer, hier nicht aufzufallen. Zum ersten Mal ist es mir sogar passiert, dass es in der Vorlesung eine Vorstellungsrunde gab.
Der andere Eindruck, die Weite, ist diesmal wirklich so gemeint, und hängt auch mit dem jungen Alter der Uni zusammen. Es gibt in Luzern weder einen Campus (wenn von Campus Luzern die Rede ist, meint das die ganze Stadt inklusive diverser Hochschulen), noch ein zentrales Gebäude der Universität. Selbiges entsteht im Moment und soll 2011 fertig bezogen sein. Dann soll die gesamte Universität samt Bibliotheken in einem Gebäude residieren. Ich selbst halte das für nicht allzu zukunftsfähig. Bis dahin bezieht der Lehr- und Forschungsbetrieb sämtliche Räume in der Stadt, die auf irgendeine Weise geeigent erscheinen. Interessierte können hier nachlesen, was und wo es alles was gibt. Der Stadtplan liefert dabei einen guten Eindruck von den Wegen, die man zwischen zwei Veranstaltungen (15 Minuten) zurücklegen muss. Mich betreffen im Wochenablauf die Standorte 1, 3, 11, 13, 16 und 18.
Die Räume in denen man dann landet, könnten verschiedener nicht sein. Für mich begann alles im „Herrenkeller“, der sinnigerweise im zweiten Stock liegt. Dieser historische Saal ist durch eine massive, dunkle Holzdecke und große, schwere Holztische geprägt, an denen jeweils lederbezogene Stühle mit hohen Rückenlehnen stehen. Nur ein Aufstellpult und ein Whiteboard vermitelt den Eindruck im 21. Jahrhundert zu sein. Der zweite Raum in dem ich war, ist ungleich moderner und befindet sich ein einem (wohl ehemaligen) Hotel. Die Juristen haben in diesem Gebäude im Ballsaal Vorlesung. Hier gibt es allen Luxus an neuestem Mobiliar, Steckdosen und hochtechnisierten Präsentationstechniken. Und heute Vormittag saß ich dann in der Aula einer weiterführenden Schule. Manch einer berichtet von einem Hörsaal, der dafür bekannt ist, dass man hier gerne einschläft: Ein Kino.
Die Veranstaltungen, die ich besuche, ähneln weitestgehend denen, die ich kenne. Es gibt hier aber zwei neue Fächer für mich, nämlich Gregorianik und Judaistik. In der Judaistik lehrt uns ein Rabbiner über die jüdische Medizin-Ethik. Dazu gibt er uns immer Quellentexte, die er dankbarerweise aber immer übersetzt, sie sind nämlich komplett in modernem Hebräisch geschrieben. In einer weiteren Vorlesung zeigt uns eine Professorin aus Israel die Facetten des jüdischen in der deutschsprachigen Literatur.
Die Gregorianikvorlesung zeichnet sich dadurch aus, die oben genannte kleinste zu sein. Hier gehöre ich zu den wenigen wirklichen Theologiestudenten. Der Rest scheint als Hörer aus Interesse zu kommen. Skurrilerweise sind sogar zwei Maschinenbaustudenten anwesend, die sich so ECTS-Punkte für ihr Studium sammeln können.
Mein Fazit der ersten Woche ist positiv. Mit den Wegen muss ich mich noch ein wenig zurecht finden, aber im Moment bin ich noch sehr motiviert und auch meine Lust an der Bibliothek ist noch nicht vergangen.

Meine Wohnung

Heute nutze ich die Gelegenheit euch etwas über meine Wohnsituation zu erzählen. Zu diesem Zweck findet ihr am Ende des Artikels zwei Grafiken, die mein Zimmer in 3D (und freilich als Modell) zeigen.
Ich erfreue hier 13 qm Zimmer und 3 qm Balkon mit meiner Anwesenheit. Dazu kommt noch ein verhältnismäßig geräumiges Bad, schräg gegenüber auf dem Flur gelegen. Aber immerhin mein eigenes. Das Zimmer ist mit Schrank, Bett, Nacht- und Schreibtisch, sowie drei Stühlen ausreichend, aber auch ausfüllend möbliert. Die Beleuchtung übernimmt leider nur eine große Stehlampe mit Energiesparbirne, weswegen es hier Nachts nicht allzu hell wird. Mein einziges Fenster ist eine ganze Tür, durch die ich bequem mein Zimmer lüften kann, wenn ich durch selbige hindurch gehe, sogar mich selbst.
Zusätzlich zum Inventar habe ich, wie unten zu sehen ist, mein E-Piano aufgestellt und außerdem eine Garderobe an der Tür angebracht. Desweiteren habe ich, auch das erzählte ich bereits, durch nette Gespräche mit dem Administrator ein wenig WLAN hier rein gebracht, sodass mein ebenfalls vorhandenes Telefon eher selten in Gebrauch ist.
Nun will ich schrittweise abstrahieren: Mein Zimmer liegt auf einem Flur mit 4 anderen und ist das kleinste von diesen (dementsprechend auch das mit der geringsten Miete). Die anderen Mitbewohner kenne ich zum größten Teil, ich glaube zwei davon sind aber noch nicht angereist (bleiben auch nur zwei bekannte). Dieser Flur wiederum ist Teil des vierten Stocks des Kiwanis Studentenheims.
Den Namen Kiwanis hat es von seinem Träger, dem Kiwanis-Verein, der wohl etwas ähnliches ist wie Rotary oder Lions Club bei uns. Auf jeden Fall liegt diesem Verein das Wohl der Studenten am Herzen. Insgesamt bietet das Wohnheim drei Stockwerke á 21 Zimmer, also 63 Studenten eine Heimat. Wer sich jetzt fragt, wie ich im vierten Stock wohnen kann, wenn das Wohnheim nur drei hat, darf sich zu den aufmerksamen Lesern zählen und sei informiert, dass die ersten beiden Stockwerke vom Backpackers-Hotel genutzt werden.
Dass der Verein sich um mein und unser aller Wohl sorgt, merkt man an zwei Dingen, die wohl für ein Studentenwohnheim eher unüblich und in diesem Blog bereits aufgetaucht sind: Es gibt ein regelmäßiges gemeinsames Essen und die Zimmer werden geputzt. Das Essen (Halbpension) ist nicht automatisch im Preis inbegriffen, wird aber so verrechnet, dass es sich auf alle Fälle finanziell und zeitlich immer lohnt, es wahrzunehmen. Günstiger würde man wohl kaum an die erforderliche Kalorienmenge kommen. Das Ganze hat wohl auch einen sozialen Hintergrund: Wenn ich manch einen in der hauseigenen Küche bei dem Versuch der Selbstversorgung beobachte, merke ich, dass das gemeinsame Essen das Überleben der Bewohner sichert (andererseits: wann lernen sie es dann?).
Dass ich trotz Essenversorgung die Küche benutze hat zwei Gründe: Erstens habe ich auch Mittags Hunger und zweitens gibt es das gemeinsame Essen nur Montag bis Freitag. Ich halte das für einen ganz angenehmen Mix aus Verpflegung und Selbstverpflegung, weil es unter der Woche den Stress nimmt und am „Weekend“ (schweizerdeutsch) die Freiheit lässt. Die Küche ist für eine Wohnheimsgemeinschaftsküche auch in hervorragendem Zustand.
Nun eine Ebene höher: das Wohnheim liegt fast direkt am Vierwaldstättersee, dem großen See, der, nomen ost omen, die vier Waldstätten Luzern, Uri, Schwyz und Unterwalden berührt. Gegenüber liegen nur noch diverse Wassersportclubs zwischen uns und dem Wasser. Leider habe ich deswegen allabendlich Insekten aller Gattungen und größen in meinem Zimmer. Bis zur großen Bade- und Liegewiese „Ufschötti“ sind es auch nur 100m. Dafür die genannten 1,5 km bis in die Innenstadt.
Direkt neben dem Haus liegt die große Kantonsschule, ergo ist hier immer ein großer Betrieb an Jugendlichen jeder Couleur, die sich vor allem an warmen Tagen zu joggenden Klassen zusammenballen. Wenn man an diesen vorbeigeht, ist es auch gar nicht mehr weit bis zum nächsten Supermarkt, den ich ja, wie oben genannt für meine Mittage und Wochenenden brauche.
So viel für den Moment, über Luzern und die Schweiz werde ich mich sicherlich noch einmal äußern.

Erste Ansicht meines Zimmers

Zweite Ansicht meines Zimmers