Archiv für Oktober 2009

Vorlesungsfreiheit

Eigentlich sollte ich im Moment keinen Internetzugang haben. Eigentlich sollte ich im ersten Stock im Hörsaal sitzen und mich mit Dogmatik beschäftigen. Eigentlich. Aber augenscheinlich tue ich das nicht, und ich geniesse ein wenige die Freiheit sagen zu können, dass ich völlig freiwillig in dieser Veranstaltung sitze und es wohl sinnvoller ist, zu gehen, wenn dableiben nur Zeitverschwendung ist.
In Folge dieses kleinen revolutionären Aktes gegen den Stoff, der mir nicht zusagt, kann ich nun endlich einmal in Ruhe meine E-Mails beantworten und hier schreiben.
Ich wollte noch nachträglich erzählen, dass ich am Sonntag eine ausführliche Schiffstour gemacht habe. Schon mit meinen Eltern war ich ja auf einer zweistündigen Rundfahrt über den See unterwegs. Diesesmal hatte ich aber die ganze Runde gewählt, von Luzern nach Flüelen. Das sind gute sechs Stunden, in denen das Schiff von einem zu anderen Ende des Vierwaldstätter Sees fährt. Die Fahrt hat sich gelohnt. Dabei hat sich einmal eindrücklich gezeigt, wie riesig dieser See und wie vielfältig auch seine Landschaft ist. Den zweiten Teil, als es dann am Abend schon dunkel wurde, habe ich im inneren des Schiffs mit Lesen zugebracht. Dabei verging die Zeit doch schneller als geplant, sodass ich schon bald den Blick auf den hell erleuchteten Hafen von Luzern richten konnte. Bei Nacht wirkt das riesige Gewässer davor noch einmal ganz anders. Ich kann so eine Schifffahrt also nur wärmstens weiterempfehlen.

Besuch

In den letzten drei Tagen hatte ich die Freude, meine Eltern in Luzern begrüßen zu dürfen. Zu diesem Anlass ließ ich die ein oder andere Veranstaltung in der Universität ausfallen und nutze die Chance, die so ein Besuch bietet, Dinge zu sehen und zu tun, die man sonst nicht sehen oder tun würde. Dazu gehörten neben Ausflügen in die Schweizer Küche auch solche in die Schweizer Landschaft, die sich schön in „rechts“, „mitte“ und „links“, jeweils von der Stadt auf den See gesehen, einteilen lassen.
Links: Montags fuhren wir am linken Seeufer mit dem Auto nach Meggen, einem Vorort von Luzern, der sich vor allem durch seine schöne Lage am See auszeichnet. Von hier aus kann man aus der Distanz einen Blick auf Luzern werfen, von wenigen Metern weiter aber schon auf Küstnacht, wohin mir sonst der Blick verwehrt bleibt. Ungefähr auf der Spitze der Landzunge steht hier ein kleines Schlößchen mit Parkanlage und einer einzelnen Bank auf dem höchsten Punkt, die sich wohl ideal für das Beobachten von Sonnenuntergängen eignet. Aber sich, wie ich nun sicher weiß, auch am Tag lohnt. In Meggen steht auch noch eine moderne Kirche, ziemlich genau Würfelförmig und: ohne Fenster. Die Wände bestehen aus Mamorplatten, die so dünn geschliffen sind, dass durch sie das Licht hindurch scheint. Eine wunderbare Idee, die praktische Umsetzung ist leider nicht ganz überzeugend.
Von dort aus fuhren wir weiter auf den Spuren eidgenössischer Volksgeschichte nach Küstnacht am Rigi, dass den meisten wohl aus „Willhelm Tell“ bekannt ist. Denn dort befindet sich die berühmte Hohle Gasse, die Verbindung von Zuger See und Vierwaldstätter See, durch die Gessler hindurch musste um von Tell heldenhaft erschossen zu werden.
Die Figur Tell hat wohl viel zum Nationalbewusstsein der Schweiz beigetragen, weswegen die Hohle Gasse auch allen Autostraßen widerstanden hat und heute noch begehbar ist. Direkt nebendran informiert eine aufwendig gesaltete multimediale Präsentation über alles Wissenswerte.
Mitte: Die Stadt selbst überließ ich meinen Eltern alleine, und besuchte treu die Lehrveranstaltungen. Die Folge war, dass meine Mutter ein Geschäft für Fastnachtsstoffe entdeckte und ich in den nächsten Wochen mehrere Quadrameter edlen Tuchs nach Deutschland importieren darf. Positiv war aber auch, dass ich nun einige Attraktionen der Stadt empfohlen bekommen habe, zu denen ich zuvor keinen Draht hatte.
Rechts: Am Mittwoch fuhren wir die sogenannte Silberne Rundfahrt. Für die Goldene Rundfahrt war es leider schon zu spät, denn die Schiffe verkehren zu dieser Jahreszeit nur eingeschränkt. Deswegen fuhren wir mit dem Zug nur am See entlang statt drüber und stiegen in Alpnachstad in die steilste Zahnradbahn der Welt (48%!) die uns zum Ziel der Rundfahrt brachte, den Pilatus. Da war ich ja nun schon einmal, die Fahrt lohnte sich trotzdem, denn seit geraumer Zeit liegt dort oben alles voller Schnee. Leider waren auch die Temperaturen entsprechend frostig und der Wind tat das Seine dazu. Nichtsdetsotrotz war es landschaftlich wieder sehr sehenswert.
Auf der Rückfahrt mit der Seilbahn entschieden wir und das „rechts“ noch ein wenig auszudehnen und eine Rundfahrt mit dem Schiff zu machen. Dieses Vehikel hatte ich nun auch noch gar nicht benutzt und muss sagen, dass es sich gelohnt hat. Wir fuhren zwei Stunden auf zum Teil recht bewegtem See und man bekam viele Winkel zu sehen, die sonst vom Land her verborgen bleiben. Wer sich einmal die Mühe machen will, schaue sich den Aufbau des Sees bei google.maps an und bemerke, wie verzweigt er ist. Da eröffnet sich immer etwas Neues, wenn man um die Ecke fährt.
Nun war es daran, den Besuch zu beschließen, was wir auch gut-schweizerisch taten: mit einem Käsefondue.

Herbstfest

Einen wunderschönen guten Morgen (12:30 Uhr). Soeben habe ich mich aus meinem Bett erhoben und habe nun die Muße mich zu gestern Abend zu äußern.
Gestern fand hier im Wohnheim das alljährliche Herbstfest statt. Es war das erste Mal in diesem Semester, dass fast alle Bewohner zusammen waren. Es hat sich auch wirklich gelohnt. Nach einem Apéro mit Bowle folgte das Abendessen mit einem großen Salatbuffet und einer reichen Auswahl an alkoholischen Getränken, sowie eine reiche Auswahl an Desserts (u.a. Basler Leckerlie und Glace) mit Kaffee.
Das feudale kulinarische Angebot wurde umrahmt von einer Band aus dem Freundeskreis unserer Hausverwalters. Die spielten vor allem Rock aus den frühen Jahren, interagierten aber ausführlich mit dem Publikum. Als Tradition zählt es auch, dass alle Neuen im Haus zusammen Sweet Home Alabama singen mussten; der Erfolg war überschaubar. Ein Highlight war der „Kellerblues“ (mit einem harten ch am Anfang ausgesprochen), eine Aneinanderreihung von schweizerdeutschen Sätzen, die jedes Jahr neu erfunden wird und parallel zu einem Blues der Band aufzuführen ist. Auch hier scheint Alkohol eine zentrale Rolle zu spielen.
Motiviert von Kaffe und guten Gesprächen ging der Abend dann für mich noch bis 3 Uhr. Ich bin sehr froh, Freitags keine Uni zu haben ;-)

Peinlich. Peinlich.

In der Schweiz wird am 29. November das bekannte Organ der ältesten Demokratie Europas, die Volksabstimmung, darüber entscheiden, ob es einen Bau von Minaretten im eigenen Land geben wird. Vor dieser Volksabstimmung findet ein Wahlkampf statt, den wir Deutschen nur von der Bundestagswahl kennen. Es werden Plakate aufgehängt und alle Zeitungen diskutieren. Gerade bei einem solchen Thema ist das nicht immer unemotional. Heftig umstritten, und in einigen Städten sogar verboten, sind die Plakate der SVP, die auf die Schweizer Flagge eine Reihe von Langstreckenraketen stellt. Oder sind es eben doch die Türme der Moscheen? Die Botschaft ist klar: Islam ist Terrorismus. Dass die SVP keine Splitterpartei ist, sondern eine der größten in der Schweiz ist, war für mich überraschend. Bei uns gibt es keine Volksparte so hart am rechten Rand (vielleicht noch die CSU in ihren extremen Formen). Ich vermute, das hat etwas mit geschichtlichem Erbe zu tun.
Nun ist diese Diskussion mehr Werbung für das Plakat als eine Verhinderung der Aussagen. Deswegen will ich auch gar nicht weiter darauf eingehen. Interessanter ist es da eine Splitterpartei zu betrachten. Vor denen hat man auch weniger Angst. Ich stütze mich dabei auf einen Artikel aus der NZZ am Sonntag vom 11.10.09.
Die Eidgenössische-Demokratische Union (EDU, in etwa die PBC, ca. 0,5% Stimmanteile) wirbt ebenfalls mit einem Plakat gegen die Minarette. Die gezeigten Fachwerkhäuser stehen dabei für „die Heimat, aber auch das Zuhausesein von Frauen und Männern, die sich in unser System einbinden lassen.“ So der Präsident der Partei. Und in dieses Idyll Schweizer Heimat passt eben kein Minarett.
Dass das nicht passt, sieht Frau Vester auch so. Frau Vesters Familie gehört das Haus auf dem Plakat. Nur ist Frau Vester gar keine Schweizerin, sondern Deutsche und wohnt in Quedlinburg (ca. 700 km weiter weg), wo ihre Familie das abgebildete Hotel betreibt. Sie ist gar nicht begeistert, von der Verwendung durch die Schweizer Partei, die auf keinerlei Rücksprache beruht. Peinlich für die EDU: Familie Vester ist Stadtbekannt für ihre Engagement gegen Rechts, für ihr eintreten für Integration. Und die genannte Tochter des Hauses pflegt wunderbare Kontakte zu Muslimen.
In Erklärungsnöte gekommen, erklärt der Präsident der EDU, dass das Bild einfach im Internet stünde, das könne man verwenden wie man will. Ich weiß nicht, wie das Urheberrecht und das Eigentum am Bild in der Schweiz geregelt sind. Aber meiner Intuition entspricht das nicht (weswegen ich alle Bilder nur verlinkt habe ;-) ).
Und man wolle ja auch bewusst kein Schweizer Haus abbilden, so die EDU weiter. Denn sonst könnte jemand diffamiert werden.
Die Ironie ist fantastisch, da wäre keiner absichtlich drauf gekommen: Das Minarett passt wunderbar zum Hotel. Nur zur Aussage der Partei will es gar nicht passen, es hat wenig von Schweizer Heimat.
Es könnte auch ein sehr subtiler Hinweis darauf sein, dass in der Schweiz zu viele Deutsche wohnen. Aber so viel feiner Spürsinn für einen Auswege aus der Peinlichkeit ist wohl nicht zu erwarten. Familie Vester prüft rechtliche Schritte. Was für ein Schritt gegen Rechts!

Musik studieren – Leben genießen

Es gibt in Luzern einen Ort von dem man einen unvergleichlichen Blick auf die Stadt, den See und die Berge hat. An einem der höchsten Punkte der Stadt hat ein romantisch veranlagter Mensch einen kleinen englischen Park angelegt. Hier gibt es weite Wiesen, bunte Bäume und romantische „Ruinen“, zum Beispiel die künstlichen Reste eines nie genutzen Torbogens.
An beiden Seiten ist der Park zur Landschaft hin offen, sodass man von dieser Anhöhe sehr weit in das Land schauen kann. Und eben dieser Ausblick macht diesen Ort so anziehend. Um den Eindruck deutlicher zu machen habe ich auch ein paar Fotos hochgeladen.
Das schönste ist es aber wohl, wenn man da oben auch noch studiert. Denn in den alt wirkenden Gebäuden ist das Musikkonservatorium der Stadt untergebracht, sodass man, wenn man gerade die Sonne auf einer der Wiesen genießt noch mit allerlei Klängen erfreut wird. Leider ist das schöne Wetter hier schon vorbei. Aber der eine Tag an dem ich dort gelesen und genossen habe, hat schon einen sehr guten Eindruck hinterlassen.