Archiv für November 2009

Choral Minarett

Die Bilanz des letzten Wochenendes umfasst die oben genannten Posten. Am ersten habe ich zwei Tage gearbeitet, am zweiten zwei Monate gezweifelt.
Aber zuerst das Positive: Unser Professor für Gregorianik bietet zwei- bis dreimal im Semester ein Choralwochenende an, an dem nach intensiven Proben am Samstag und am Sonntag, am Sonntagnachmittag ein Gottesdienst mit dem gregorianischen Liedgut gestaltet wird, gestern also mit den Gesängen zum ersten Adventssonntag. Das Niveau der 22-köpfigen Schola war sehr hoch, wir haben uns fast nicht mit den Noten, sondern vor allem mit der Interpretation beschäftigt. Spannend war dabei, dass der Herr Professor nicht nur mit den Noten, sondern auch mit den handschriftlichen Vermerken (Neumen) aus dem Mittelalter argumentierte. Ein wenig getrübt wurde die Freude am Gesang nur durch die anderen Anwesenden. Es mangelte doch an einigen Stellen sehr an liturgisch/religiösem Problembewusstsein, was sich z.B. darin äusserte, dass es einer eigenen Bitte bedurfte, die Notenmappen und Saftflaschen nicht auf dem Hochaltar abzustellen. Nett war auch mein Nachbar während eines dreistimmigen Gesangs aus dem Mittelalter. Es sagt zu einem vor uns stehenden, ob er nicht nach hinten kommen wollte, er sei so sicher. Na danke, dachte ich mir, ich habe nicht den Eindruck, unsicher zu sein…
Nun das weniger Positive: Es ist augenscheinlich bis nach Deutschland und in den Rest von Europa gedrungen, dass die Minarettinitiative (ich habe schon darüber geschrieben) mit einer deutlichen Mehrheit angenommen wurde, das sogar entgegen der Umfragen der letzten Zeit, die nur von 37% Ja-Stimmen ausgingen. Vielleicht haben die Umfragewerte aber auch die eine Seite eingeschläfert und die andere um so mehr mobilisiert. Fakt ist, dass das schweizer Stimmvolk keine Minarette mehr will. Ein letzter Versuch wird wohl eine Klage vor dem europäischen Gerichtshof sein.
Für mich als Deutschen irritierend ist die Tatsache, dass die Regierung eine eindeutige Empfehlung gegen diese Initiative ausgesprochen hat. Trotzdem ist sie nun, ganz direkt demokratisch, an den Entscheid gebunden. Beruhigend finde ich nur, dass in meinem Umfeld niemand die Meinung der anderen Schweizer teilt und dass es schon Gegendemos gab. In Bern wurde bspw. ein Minarett aus Papier errichtet.
Spannend bleibt, was die Auswirkungen dieser Entscheidung sind. Viele Schweizer drücken ihre Gefühle aber schon mit dem Beitritt zur Facebook-Gruppe aus: „Ich schäme mich, Schweizer zu sein.“

Bilder hinter den Mauern. Der Vatikan von innen.

Heute Abend hielt Pater Eberhard von Gemmingen einen Vortrag in der Universität. Er war 27 Jahre lang Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan und hat im September dieses Jahres Rom verlassen. Er konnte also mit detailliertem Insiderwissen aufwarten.
Sein Einstieg war etwas neckisch. Da die Kirche ein Mysterium sei (im sakramentalen/theologischen Sinne), müsse auch der Vatikan mysteriös sein, dass sei der eigentliche Grund dafür, dass er Mauern habe. Denn ohne Mauern wären die Außenstehenden wohl recht enttäuscht und ernüchtert, wie langweilig und menschlich es dahinter zugeht. Den weiteren Vortrag widmete er dem Verhältnis der „Welt“medien zum Vatikan und den medialen Pannen des Vatikans der letzten Zeit. Seine Grundkritiken galten dem „Terror der Schlagzeile“ und dem Grundsatz „Schlechte Nachricht ist gute Nachricht“. So sei z.B. nach der Afrikareise in allen West/Mitteleuropäischen Länder geschlagzeilt worden, der Papst spräche sich gegen Kondome aus, sie verschlimmerten nur das Aidsproblem. An sich hat er diese Aussage durch aus getroffen, nur ist sie in einer Zeile wohl nur sehr unzureichend wiedergegeben. Gleichzeitig wunderten sich afrikanische Intellektuelle, warum die Europäer sich nur für Sex interessieren und nicht für die wahren Probleme.
Aber auch am vatikanischen Krisenmanagment fand Pater von Gemmingen einige Verbesserungswürdigkeiten. So wäre es manchesmal sinnvoll gewesen in kurzen, knappen Sätzen schnell zu reagieren, bspw. im Fall der rehabilitierten Piusbrüder klar zu stellen, dass diese nicht als Holocaustleugner rehabilitiert wurden, sondern ungeschickterweise gleichzeitig mit dieser Leugnung. Für solche rasche Reaktion sei aber das große System Vatikan noch zu behäbig.
In der Auseinandersetzung mit den Medien der Welt bedauerte der Pater vor allem, das die Inhalte der Meldungen jeweils nur Nebenschauplätze des Kirchesein beträfen. Das eigentliche Zentrum des Glaubens, Fragen zu Leben und Tod und ähnlichem, käme nur selten zur Sprache. Die partikularen Bereiche von Liturgie und Fragen des Kirchenrechts seien einfach zu komplex um „auf der Straße“ oder eben in Zeitungen diskutiert zu werden.
Sein Bild für das Verhältnis der beiden Größen war das von David und Goliath, wobei er zugab, dass der kriegerische Aspekt nicht überspannt werdne dürfe. Das Problem sei, dass der David noch mit seiner Schleuder nur spiele, während Goliath mit einer starken Rüstung aus Sensationen allerlei Lärm macht. Dahinter steht die Schwierigkeit, ein einmal gewonnenes Image wieder zu revidieren, vor allem, wenn es sich durch selektive Wahrnehmung weiter verfestigt.
Im letzten sieht Pater von Gemmingen den augenscheinlichen Konflikt aber als notwendig an. Es müsse immer ein Widerspruch bestehen zwischen dem Evangelium und der öffentlichen Meinung, sonst verlöre das Evangelium an Schärfe. Nichtsdestotrotz obliegt es der Kirche schäfer und flexibler medial präsent zu sein.
Im Anschluss an den Vortrag fand eine Fragerunde statt, die sich ausgesprochen ausgewogen zeigte. Interessant war des Paters Erklärung für die besondere Brisanz des deutschen Sprachraums in Rom: Es gäbe hier so viele Theologen und soviel Freiheit, die Menschen würden so viel Geld und Zeit haben, um über theologische Fragestellungen zu reflektieren (einer der Gründe, warum diese Region so viele Persönlichkeiten hervorgebracht hat), dass es nicht verwundert, dass hier die kritischsten Stimmen sitzen. Und das sei auch gut so.
Mir hat der Vortrag sehr gut gefallen, der Stil war angemessen, nur gegen Schluss wurden einige Rückfragen arg polemisch. Wir sind halt in der Schweiz. Das merkte man auch an der Bemerkung meines Sitznachbarn: „Er ist halt Deutscher, er redet viel zu schnell.“

Die Schweiz ist…

… ein Land, in dem selbst die Ticket-Kontrolleure dem ganzen Bus beim Aussteigen einen schönen Abend wünschen.
… ein Land, bei dem man am Zoll peinlich genau angeben muss, was sich alles im Umzugslaster befindet. Und wenn es mehr ist, als im Fahrzeug erlaubt muss man sich einen zweiten bestellen (das hat mir eine deutsche Krankenschwester erzählt).
… im Moment wärmer, als es die Jahreszeit vermuten lässt. Auf dem Pilatus liegt inzwischen kein Schnee mehr und hier unten scheint schon den ganzen Tag die Sonne am blauen Himmel.

Das Ende

Heute in einem Monat endet hier in Luzern schon wieder das Herbstsemester. Im Moment wird in den Vorlesungen immer häufiger von Prüfungen gesprochen und die Themen neigen sich auch dem deutlichen Ende zu. Für mich, der ich das klassische Wintersemester gewohnt bin, ist das Ganze recht eigentümlich, zumal alle Deutschen mit denen ich zu tun habe sich noch auf ihre Referate und ähnliches vorbereiten.
Die Prüfungen werden dann in ziemlich genau 2 Monaten stattfinden. Auch hier ist die Form ganz anders, als ich sie kenne. Nahezu alle Prüfungen werden mündlich abgenommen (Ausnahme ist die Judaistik Prüfung, die auch schon am 7. Dezember ist) und umfassen nur den Stoff von einem Semester. Es sind allerdings auch bei mir ingesamt 6 Prüfungen, was quasi 2 Prüfungen zu 3 Semestern entspricht. Insofern ist die Stoffmenge nicht allzu verschieden. Meiner Meinung nach, macht es der mündliche Modus aber deutlich einfacher.

Trinken in Ewigkeit

In der heutigen Gregorianik Vorlesung haben wir die altspanische (auch mozzarabische) Liturgie besprochen, die bis zur Reconquista in Spanien gefeiert wurde, besprochen. Paradoxerweise ist diese altchristliche Liturgie erst untergegangen, als Spanien von den Christen wiedererobert wurde.
Schon damals galten heutige Besonderheiten des Spanischen, bspw wurden das B und das V synonym behandelt. Das führt zu manch interessanter Erscheinung im Lesevorgang eines Mitteleuropäers. In Joh 6:52 steht „…si quis manducaverit ex hoc pane vivet in aeternum“, also: „wer von diesem Brot isst, wird leben in Ewigkeit“. In den Quellen Spaniens dann also „…si quis manducaverit ex hoc pane bibet in aeternum“. Oder auf Deutsch: „Wer von diesem Brot isst, wird trinken in Ewigkeit“.
In diesem Sinne, auf das ewige Leben. Prost, Halleluja! ;)