Bilder hinter den Mauern. Der Vatikan von innen.

Heute Abend hielt Pater Eberhard von Gemmingen einen Vortrag in der Universität. Er war 27 Jahre lang Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan und hat im September dieses Jahres Rom verlassen. Er konnte also mit detailliertem Insiderwissen aufwarten.
Sein Einstieg war etwas neckisch. Da die Kirche ein Mysterium sei (im sakramentalen/theologischen Sinne), müsse auch der Vatikan mysteriös sein, dass sei der eigentliche Grund dafür, dass er Mauern habe. Denn ohne Mauern wären die Außenstehenden wohl recht enttäuscht und ernüchtert, wie langweilig und menschlich es dahinter zugeht. Den weiteren Vortrag widmete er dem Verhältnis der „Welt“medien zum Vatikan und den medialen Pannen des Vatikans der letzten Zeit. Seine Grundkritiken galten dem „Terror der Schlagzeile“ und dem Grundsatz „Schlechte Nachricht ist gute Nachricht“. So sei z.B. nach der Afrikareise in allen West/Mitteleuropäischen Länder geschlagzeilt worden, der Papst spräche sich gegen Kondome aus, sie verschlimmerten nur das Aidsproblem. An sich hat er diese Aussage durch aus getroffen, nur ist sie in einer Zeile wohl nur sehr unzureichend wiedergegeben. Gleichzeitig wunderten sich afrikanische Intellektuelle, warum die Europäer sich nur für Sex interessieren und nicht für die wahren Probleme.
Aber auch am vatikanischen Krisenmanagment fand Pater von Gemmingen einige Verbesserungswürdigkeiten. So wäre es manchesmal sinnvoll gewesen in kurzen, knappen Sätzen schnell zu reagieren, bspw. im Fall der rehabilitierten Piusbrüder klar zu stellen, dass diese nicht als Holocaustleugner rehabilitiert wurden, sondern ungeschickterweise gleichzeitig mit dieser Leugnung. Für solche rasche Reaktion sei aber das große System Vatikan noch zu behäbig.
In der Auseinandersetzung mit den Medien der Welt bedauerte der Pater vor allem, das die Inhalte der Meldungen jeweils nur Nebenschauplätze des Kirchesein beträfen. Das eigentliche Zentrum des Glaubens, Fragen zu Leben und Tod und ähnlichem, käme nur selten zur Sprache. Die partikularen Bereiche von Liturgie und Fragen des Kirchenrechts seien einfach zu komplex um „auf der Straße“ oder eben in Zeitungen diskutiert zu werden.
Sein Bild für das Verhältnis der beiden Größen war das von David und Goliath, wobei er zugab, dass der kriegerische Aspekt nicht überspannt werdne dürfe. Das Problem sei, dass der David noch mit seiner Schleuder nur spiele, während Goliath mit einer starken Rüstung aus Sensationen allerlei Lärm macht. Dahinter steht die Schwierigkeit, ein einmal gewonnenes Image wieder zu revidieren, vor allem, wenn es sich durch selektive Wahrnehmung weiter verfestigt.
Im letzten sieht Pater von Gemmingen den augenscheinlichen Konflikt aber als notwendig an. Es müsse immer ein Widerspruch bestehen zwischen dem Evangelium und der öffentlichen Meinung, sonst verlöre das Evangelium an Schärfe. Nichtsdestotrotz obliegt es der Kirche schäfer und flexibler medial präsent zu sein.
Im Anschluss an den Vortrag fand eine Fragerunde statt, die sich ausgesprochen ausgewogen zeigte. Interessant war des Paters Erklärung für die besondere Brisanz des deutschen Sprachraums in Rom: Es gäbe hier so viele Theologen und soviel Freiheit, die Menschen würden so viel Geld und Zeit haben, um über theologische Fragestellungen zu reflektieren (einer der Gründe, warum diese Region so viele Persönlichkeiten hervorgebracht hat), dass es nicht verwundert, dass hier die kritischsten Stimmen sitzen. Und das sei auch gut so.
Mir hat der Vortrag sehr gut gefallen, der Stil war angemessen, nur gegen Schluss wurden einige Rückfragen arg polemisch. Wir sind halt in der Schweiz. Das merkte man auch an der Bemerkung meines Sitznachbarn: „Er ist halt Deutscher, er redet viel zu schnell.“


1 Antwort auf „Bilder hinter den Mauern. Der Vatikan von innen.“


  1. 1 Kerstin 26. November 2009 um 22:50 Uhr

    Hätte ich auch gern gehört, diesen Vortrag ;)

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.