Choral Minarett

Die Bilanz des letzten Wochenendes umfasst die oben genannten Posten. Am ersten habe ich zwei Tage gearbeitet, am zweiten zwei Monate gezweifelt.
Aber zuerst das Positive: Unser Professor für Gregorianik bietet zwei- bis dreimal im Semester ein Choralwochenende an, an dem nach intensiven Proben am Samstag und am Sonntag, am Sonntagnachmittag ein Gottesdienst mit dem gregorianischen Liedgut gestaltet wird, gestern also mit den Gesängen zum ersten Adventssonntag. Das Niveau der 22-köpfigen Schola war sehr hoch, wir haben uns fast nicht mit den Noten, sondern vor allem mit der Interpretation beschäftigt. Spannend war dabei, dass der Herr Professor nicht nur mit den Noten, sondern auch mit den handschriftlichen Vermerken (Neumen) aus dem Mittelalter argumentierte. Ein wenig getrübt wurde die Freude am Gesang nur durch die anderen Anwesenden. Es mangelte doch an einigen Stellen sehr an liturgisch/religiösem Problembewusstsein, was sich z.B. darin äusserte, dass es einer eigenen Bitte bedurfte, die Notenmappen und Saftflaschen nicht auf dem Hochaltar abzustellen. Nett war auch mein Nachbar während eines dreistimmigen Gesangs aus dem Mittelalter. Es sagt zu einem vor uns stehenden, ob er nicht nach hinten kommen wollte, er sei so sicher. Na danke, dachte ich mir, ich habe nicht den Eindruck, unsicher zu sein…
Nun das weniger Positive: Es ist augenscheinlich bis nach Deutschland und in den Rest von Europa gedrungen, dass die Minarettinitiative (ich habe schon darüber geschrieben) mit einer deutlichen Mehrheit angenommen wurde, das sogar entgegen der Umfragen der letzten Zeit, die nur von 37% Ja-Stimmen ausgingen. Vielleicht haben die Umfragewerte aber auch die eine Seite eingeschläfert und die andere um so mehr mobilisiert. Fakt ist, dass das schweizer Stimmvolk keine Minarette mehr will. Ein letzter Versuch wird wohl eine Klage vor dem europäischen Gerichtshof sein.
Für mich als Deutschen irritierend ist die Tatsache, dass die Regierung eine eindeutige Empfehlung gegen diese Initiative ausgesprochen hat. Trotzdem ist sie nun, ganz direkt demokratisch, an den Entscheid gebunden. Beruhigend finde ich nur, dass in meinem Umfeld niemand die Meinung der anderen Schweizer teilt und dass es schon Gegendemos gab. In Bern wurde bspw. ein Minarett aus Papier errichtet.
Spannend bleibt, was die Auswirkungen dieser Entscheidung sind. Viele Schweizer drücken ihre Gefühle aber schon mit dem Beitritt zur Facebook-Gruppe aus: „Ich schäme mich, Schweizer zu sein.“