Archiv für Dezember 2009

Resümee

Es geht immer schneller zu ende mit dem Herbstsemester 09. So langsam sind alle Veranstaltungen ausgelaufen, nur noch morgen früh darf ich noch einmal antreten. Außenrum schneit es jetzt immer häufiger, die Dozenten werden sentimentaler und die Abschiede länger.
Organisatorisch ist damit auch für mich die Halbzeit, auch wenn zeitlich erst ein Drittel vergangen ist. Bisher hat es sich gelohnt, ein Auslandsjahr zu machen und ich bereue es nicht, auch noch ein zweites Semester hierzubleiben. Die Zeit hat bisher noch lange nicht gereicht alles zu entdecken, sei es die Schweiz als Land, sei es die Bekanntschaft von hier wohnenden Studenten. Gestern Abend war ich noch einmal im Priesterseminar, dieses mal zum regulären Gottesdienst am Dienstag mit Abendessen, zu dem alle Studenten eingeladen sind. Ich glaube, ich werde im nächsten Jahr auf den Unichor verzichten (wobei mir es schon Spaß gemacht hat; Fotos vom Konzert gibt es übrigens hier) und stattdessen öfter ins Seminar gehen. Da ist die Möglichkeit interessante Persönlichkeiten aller Art zu treffen einfach am höchsten.
Inhaltlich war für mich vor allem die Auseinandersetzung mit einigen Schweizer Eigenideen in der Theologie bestimmend, so z.B. die Frage nach der Gottesdienstgestaltung oder der Aufgaben der Laien in der Kirche. Darüberhinaus habe ich aber auch zu einigen „normalen“ Themen wirklich interessante Vorlesungen gehört und habe das Gefühl noch einmal einen Schub für mein Interesse am Fach bekommen zu haben. Vor allem die neuen Fächer Judaistik und Gregorianik haben es mir angetan und die will ich dann auch im nächsten Semester weiter vertiefen. Dann kommen auch endlich wieder die biblischen Fächer hinzu, die ich in diesem Jahr aus diversen Gründen vernachlässigen musste.
Mit dem Wohnheimleben habe ich mich angefreundet, es ist irgendwie beruhigend, dass man ohne schlechtes Gewissen auch ein wenig oberflächlich bleiben kann. Zumindest solange man außerhalb der eigenen vier Wände genug interessante Menschen trifft. Ich glaube das ist mir gelungen.
Sollte mich jemand fragen, ob ich ein Auslandsjahr empfehlen kann, dann würde ich sagen, dass ich es wieder tun würde. Nur nicht nochmal :)

Konzert

Schon bevor ich nach Luzern gefahren bin, hatte ich mich informiert, wie ich meine Freizeit in der neuen Umgebung gestalten kann und bin durch Internetrecherche auf den Unichor Luzern gestoßen und habe mich da auch prompt angemeldet. Dadurch hatte ich schon einen wöchentlichen Termin sicher, dazu garantierte musikalische Aktivität und die Möglichkeit noch ein paar Leute kennenzulernen.
Also habe ich seither brav jeden Dienstagabend die Proben besucht. In den letzten Tagen wurde die Probenfrequenz aber immer höher, gleiches galt für die Intensität. Ziel dieser gesteigerten Superkompensation waren der gestrige und heutige Abend, nämlich die Konzerte. Dass es sich hierbei um „Weihnachtskonzerte“ handelte, war mir erst einmal nicht klar, spätestens der Tannenbaum auf dem Flyer (s.u.) verriet es aber. Mein Unwissen erklärte sich erfreulicherweise aus dem Programm, das zum Glück keines der verkitschen Weihnachtslieder enthielt. Lediglich „Children, Go Tell It“ und das „Air for Advent“ hatten eine solche Ausrichtung, sind mir aber so unbekannt gewesen, dass ich damit kein Problem hatte. Die weiteren Stücke waren unterschiedlicher Natur, teils weltlich (Adiemus, You Raise Me Up), teils geistlich (Agnus Dei, Te Deum u.a.). Das verbindende Element war dabei der Titel des Konzerts: „Let There Be Peace“. Das Friedensmotiv taucht, teils sehr assoziativ, in all diesen Stücken auf.
Während des Konzerts wurden wir von einem kleinen Orchester begleitet, auch ein Klavier und ein Schlagzeug stand bereit. Sicher einer der Höhepunkte des Abends war ein Ragtime der Streicher.
Wenn man zwei gleiche Konzert aufführt, hat das den Vorteil, dass man es beim zweiten Mal besser machen kann. Gestern spielte die Pianistin leider in den Anfang des „Te Deum“ den Auftakt zu „Let There Be Peace“, wodurch die meditative Stimmung doch leicht gestört wurde. Außerdem waren manche Bässe etwas übermütig, worunter die Intonation ganz schön leiden musste (es war „huere gruusig“ um es auf Helvetisch zu sagen). Diese Personen werden heute vor dem Konzert von mir mit einigen strengen Blicken bedacht werden, denn schließlich sitzt heute Abend meine liebe Freundin im Publikum. Und für die soll es ja nur vom Feinsten sein.

Evaluation

An der Universität Luzern gibt es eine sinnvolle Einrichtung. Alle drei Semester werden alle Veranstaltungen von den Studenten und Studentinnen evaluiert, und zwar mit einem standardisierten Fragebogen, der elektronisch ausgewertet wird. Auf selbigem gibt es aber auch ein Feld für handschriftliche Kommentare, die gescannt werden. Für das Ausfüllen muss der Dozent eine gewisse Zeit seiner Veranstaltung zur Verfügung stellen, in der Regel 15 Minuten, in der er selbst nicht anwesend ist. Der Vorteil liegt auf der Hand, eine Woche lang dauern alle Veranstaltungen nicht so lang wie sonst.
Die Ergebnisse werden dann wiederum den Dozierenden mitgeteilt, die angehalten sind darüber mit den Studenten in einen Austausch zu kommen. In zwei Vorlesungen ist das jetzt schon geschehen. Allein zu sehen, wie andere Studenten auf die Veranstaltung reagieren, war schon interessant. Ich war aber vor allem auf die Reaktion der Dozenten gespannt. Der Rabbi, der Judaistik lehrt, nahm es recht humorvoll und sagte: „Ich weiß, dass Eigenlob stinkt, aber ich teile ihnen trotzdem die Ergebnisse der Evaluation aus.“
Leider gab es bisher eine solche Auswertung nur in den, meiner Meinung nach, guten Vorlesungen (das ist auch dem gestrigen Feiertag geschuldet). Ich warte schon mit ein wenig Vor(schaden)freude auf die eher weniger beliebten Veranstaltungen.
Ich kann natürlich nichts darüber sagen, ob sich durch die Ergebnisse etwas ändert, dafür müsste ich länger hier bleiben. Und ob der Fragebogen ideal gestaltet ist, lässt sich anzweifeln, aber immerhin reflektiert er sich in einem Item sogar selbst. Aber sicherlich kann ich sagen, dass ich dieses Instrument für sehr geeignet halte und mir eine solche Einführung an meiner Universität (oder zumindest Fakultät) auch wünschen würde.
Es ist ja schon politisch klug, den Studenten das Gefühl zu geben, sie hätten mitzureden.

Adventsabend

Der Reigen alljährlicher Adventsfeiern hat begonnen. Entgegen der statistisch am häufigsten getroffenen Aussage auf diesen Feiern, die vorweihnachtliche Zeit solle der Ruhe dienen, verursachen diese Veranstaltungen meistens Aufregung und Anstrengung. Zum Glück nicht für mich. :)
Die gestrige Feier wurde vom Priesterseminar St. Beat Luzern ausgerichtet, was für mich eine willkommene Gelegenheit war, selbst einmal einen Blick hinter die hübschen Betonmauern zu werfen. Architektonisch ist hier sicherlich kein Vergleich mit dem Mainzer Seminar zu machen, dafür halten die Wasserrohre vielleicht noch ein paar Jahre länger.
Schon beim Eintreten war ich doch sehr überrascht, wie viele Gesichter der Anwesenden ich schon kannte. Anscheinend wohnt die komplette theologische Fakultät dort, oder zumindest ein sehr großer Teil. Das machte mir dann doch bewusst, dass mein Wohnheim nur ein normales Wohnheim ist. Das Seminar steht theoretisch zwar auch allen Studenten offen, aber natürlich finden sich hier mehr von der Sorte, die mit einer Roratemesse um 6:30 Uhr etwas anfangen können.
Standesgemäß begann der Abend mit einer Eucharistiefeier in der nicht minder betonlastigen Kapelle. Ganz unschweizerisch wurde dabei sogar Weihrauch verwendet! Auch sonst war alles ausgesprochen harmlos, eine Erfahrung, die ich nicht in allen Gottesdiensten hier machen konnte.
Im Anschluss fand der gemütliche Teil im Speisesaal (ja, Beton) bei Glühwein, Nüssen und Wurstbrötchen statt. Wir wurden abwechselnd von uns selbst und von geplanten Beiträgen unterhalten, darunter Klassiker, wie weihnachtliche Geschichten (ein Graus) und selbstgesungene Lieder. Hier gab es durchaus Interessantes zu hören: Eine Gastprofessorin aus Jerusalem sang beispielsweise chassidische und aschkenasische Melodien zu Hanukka mit uns. Auch die sonstige Musik konnte sich sehen lassen, der absolute Höhepunkt war aber eine Gruppierung aus drei Geschwistern (ich glaube, alle studieren Musik), die Kontrabass, Geige und Hackbrett spielten. Und das sehr gut! So hatte ich endlich auch einmal die Gelegenheit dieses schweizerische Instrument live zu hören.
Alle drei Geschwister hießen „Küng“ mit Nachnamen, was an unserem Tisch zum Running-Gag wurde: Küng muss immer den Ton angeben, Stimmung machen, die erste Geige spielen usw. Oder auch: „Ich finde, die interpretieren ihre Stücke sehr kirchenkritisch“; „Wenn sie dieses Fis nicht wiederrufen, muss ich ihnen die Lehrerlaubnis entziehen“.
Während des Abends wurde der Ökonom des Hauses verabschiedet und bekam einen Holzschnitt des Seminars überreicht. So ein Geschenk scheint mehr als üblich, beim Abschied des Ökonomen aus Mainz bekam dieser auch eine bildhafte Darstellung des Hauses. So etwas nenne ich Weltkirche.
Den Abschluss des Abends bildete die Freigabe der Bierkästen durch den Spiritual (Glühwein macht ja bekanntlich Durst) und ein gemütliches Zusammensitzen bis Mitternacht.

Der 30. November

7:45 Uhr:
Ich gehe leicht grummelig zum Frühstück, draussen ist das Wetter mies und der Himmel düster.
8:15 Uhr:
Strömender Regen begleitet meinen Weg zur Uni. Irgendwie ist der Regen dicker als sonst.
8:30 Uhr:
Meine Füsse werden kalt.
10:30 Uhr:
Die Judaistik Vorlesung zieht sich ein wenig, auch der Regen vor dem Fenster wird langsamer und heller.
11:15 Uhr:
Es ist nicht zu leugnen, das könnte Schnee sein.
12:35 Uhr:
Das ist definitiv Schnee, eine erste Schicht bleibt schon auf den Autodächern liegen. Der Boden ist weiterhin klitschnass.
12:42 Uhr:
Meine Schuhe haben das neue Wetter schon verinnerlicht.
13:35 Uhr:
Jetzt färbt sich auch die Wiese vor meinem Fenster zunehmend weiss.
17:00 Uhr:
Draussen ist es dunkel geworden. Ich verlasse das Haus wieder in Richtung Uni.
17:00:20 Uhr:
Ich merke, dass ich meinen Regenschirm vergessen habe.
19:07 Uhr:
Inzwischen ist die ganze Stadt von feinem Schneematsch belegt. Anders gesagt: Der Regen bleibt liegen. Meine Schuhe identifizieren sich wieder übermässig; ich friere.
19:22 Uhr:
Ich erreiche nach einigem Schlittern das Haus und beschliesse, für heute keinen Fuss mehr vor die Tür zu setzen. Aber er war da: Der erste Schnee.