Archiv für März 2010

Lucerne-Festival Matthäus-Passion

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte ich die Gelegenheit ein Konzert des renommierten Lucerne-Festvials zu besuchen. Dieses Festival findet jeweils an Ostern, im Sommer und im Herbst statt und bietet klassische Konzerte von internationalen bekannten Künstlern, hat also ein entsprechend großes Einzugsgebiet. Leider sind auch die Karten dadurch teurer als bei normalen Konzerten. Passend zur Fastenzeit hatte ich mir die Matthäus-Passion ausgesucht, die ich mir schon vorher über die CD verinnerlicht hatte. Aufgeführt wurde dieses Stück von Chor und Orchester der britischen King’s Consorts. Dieses Konservatorium wurde vom damals 20-jährigen Robert King gegründet und hat sich ganz der Aufführung historischer Musik verschrieben. Zur Zeit befinden sie sich mit eben dieser Passion auf Europatournee und haben auch schon die Queen mit ihrer Musik beglückt. Die musikalische Schwerpunktsetzung zeichnete sich nicht nur in der Wahl der historischen Instrumente ab, sondern auch und vor allem im hohen Niveau der Aufführung, der auch ich anmerken konnte, dass ein durchdachtes Konzept die Interpretation leitete. Die deutschen Texte waren sehr gut verständlich und akzentfrei gesungen und die Übergänge zwischen den Sätzen jeweils daramturgisch angemessen. Auch die Solisten sangen so dass man selbst an schlechter Sitzposition alles nachverfolgen konnte. Die Interpretation meines Lieblingsstücks „Mache dich mein Herze rein“ gefiel mir persönlich nicht so gut, wie die auf meiner Aufnahme, war aber trotzdem musikalisch einwandfrei, soweit ich das bewerten kann. Was natürlich bei einer echten Aufführung voll zum Tragen kommen konnte, war die Doppelchörigkeit der Komposition. Der Kauf der Karte hat sich also voll gelohnt, ich bekam ein anspruchsvolles aber auch geniales Stück ebenso genial und anspruchsvoll dargeboten, was sicherlich eine der Bedingungen dafür war, die drei Stunden Geduld aufzubringen.

Zehn Städte in zwölf Stunden

In Luzern laufen eigentlich die ganze Zeit Unmengen von asiatischen Touristen herum. Die allermeisten davon schauen sich mal eben schnell Europa an. Davon habe ich mich heute inspierieren lassen und einfach mal eben die Schweiz besichtigt. Weil aber an einem Tag kaum mehr als 3 Städtetrips unterzubringen sind, habe ich mich dafür entschieden das ganze auf den Gleisen zu machen. Also kaufte ich mir eine Tageskarte für schlappe 36€ (für das Gesamte Netz der SBB!) und stieg um 6 Uhr in den Zug. Meine Route hatte ich am Tag vorher geplant, indem ich einfach die Städte, die mich interessierten, verbunden hatte. Da ich auch ohne Karte wandern gehe, war es dann nicht so schlimm, dass ich diesen Plan zu Hause vergessen hatte. Aufenthalte habe ich bis auf Sion nie eingeplant, die hatten sich aus der Verbindung jeweils ergeben.

Bern
Hier hatte ich meinen ersten Aufenthalt und nutzt die Chance, einmal die politische Mitte der Schweiz, sofern es sowas in einer Basisdemokratie gibt, zu besichtigen, das Bundeshaus. Leider war es in diesem Teil der Schweiz völlig verregnet, sodass ich nicht mehr als ein Foto machen wollte und schnell wieder in den Bahnhof geflüchtet bin.

Neuchâtel, Lausanne
Zum ersten Mal überquerte ich eine Sprachgrenze der Schweiz, in diesem Fall die der Westschweiz (französische Schweiz sagt hier eigentlich niemand). Das wurde vor allem in den Zügen deutlich, die konsequent alle Durchsagen auf Franzsösich machten. Zum Glück musste man als Deutscher nicht untergehen, die Zugbegleiterin sprach z.B. sehr gut Deutsch, ich würde sogar sagen, ich habe sie auf Anhieb viel besser verstanden, als jeden Deutschschweizer.

Sion(Sitten)
Da mir diese Walliser Stadt besonders empfohlen worden war, hatte ich hier meinen Mittagsaufenthalt eingeplant. Das war alles andere als ein Fehler! Das Wallis ist ohnehin eine sehr schöne Gegend, Sion bietet dazu inmitten der hohen Berge eine mittelalterlicher Stadt mit Festung und vielen alten Kirchen. Unter anderem befindet sich hier eine der wenigen spielbaren Orgeln aus dem 15. Jahrhundert. Deutlich wird hier auch der kulturelle Unterschied, den es zwischen den verschiedenen Sprachgruppen gibt (Das Wallis ist zweisprachig). Exemplarisch sei das an zwei Kirchen gezeigt: In der deutschen Gemeinde war der gesamte Kirchenraum mit Zeugnissen pastoralen Eifers in Form von Stellwänden, kleinen Ausstellungen und biblischen Erzählfiguren gefüllt; auf den Bänken lagen die Kirchengesangbücher bereit. In der französischen Kirche hingegen herrschte historische Nüchternheit, die Buntglasfenster kamen zum tragen, alles wirkte ein wenig der Zeit überlassen; anstatt von Gesangbüchern gab es nur einen Kasten für die Gesänge des Tages auf Einzelblättern.

Brig
Schon wieder ganz im Deutschen angekommen, hatte ich in dieser Stadt nahe der italienischen Grenze noch einen kurzen Aufenthalt. In technischer Hinsicht faszinierend war für mich, dass in so einer kleinen Stadt ein so ausgeprägter Bahnhof vorhanden war. In dieser Hinsicht sollte man den Alpenraum auch nicht unterschätzen, wo es eine Linie gibt, da gibt es auch reichlich Knotennahnhof.

Domodossola, Locarno
Meine Route führte mich auch durch Italien, glücklicherweise gelten auch hier die SBB-Billette. Ab Domodossola bin ich sicherlich die abenteuerlichste Strecke gefahren. Aus dem gewohnten SBB-IR ausgestiegen, empfing mich zu allererst ein typischer Bahnhof Italiens, der Unterschied zur Schweiz war sehr deutlich am Chaos zu spüren :) .
Von dort fuhr ein kleiner Triebwagen einer Privatbahn auf Schmalspurschienen mit winzigen Kurvenradien über die Berge nach Locarno. Das Durschnittstempo betrug in etwa 20 km/h, gehalten wurde an jeder Milchkanne. Dafür war die Landschaft wunderschön, was man durch die langsame Fahrt umso mehr genießen konnte. Jetzt verstehe ich, warum es DVDs mit den „schönesten Eisenbahnstrecken“ gibt. Mit dem Grenzübertritt befuhr ich auch den dritten Sprachteil der Schweiz, das Tessin. Auch hier waren deutliche Unterschiede zu den anderen Sprachregionen zu erkennen. Alles sah aus wie in Italien, nur eben mit der Ordnung und Sauberkeit, die man dort so manchesmal vermisste.

Bellinzona, Arth-Goldau, Luzern
Die letzte Etappe meiner Fahrt war sicherlich landschaftlich nicht weniger sehenswert als der Rest. Aber einerseits wurde das Wetter schlecht, andererseit meine Müdigkeit größer und so nutze ich die Zeit um Schlaf nachzuholen, auf den ich am Morgen verzichtet hatte. Nach etwas mehr als zwölf Stunden war ich wieder am Ausgangspunkt meiner trilingualen Reise angelangt.
Und jetzt kann ich sagen: Ich kenne die halbe Schweiz.

Kreative Plakate

Heute sind mir in der Stadt zwei interessante Plakate begegnet, die ich gerne kurz vorstellen will:
1. Altbrot
Die ökologisch orientierte Stadt Luzern bittet ihre Mitbürger, Altbrot nicht an die Tauben zu verfüttern. Das führt nämlich zu mehr Vogelkot und zu mehr Tauben. Letzteres wiederum zu Ersterem. Weil aber die Stadt ihre Bürger mit ihrem Altbrot nicht alleine lassen will, gibt es auch noch nützliche Ratschläge für die Bürger: Nicht zu viel Brot kaufen oder das Brot an Tierhalter verschenken. Und für die Kreativen: Auf der städtischen Homepage ist eine Auswahl von Rezepten hinterlegt, die altes Brot verarbeiten.
2. Himmelreich
Die katholische Kirche Luzern wirbt mit dieser (leider nur halb) authentischen Bushaltestelle für ihre Aktion zum Thema Karwoche mit dem Slogan: Lebensgefährlich.

Ausflug in die Stadt

Es gilt wie gestern: Uni frei, Wetter perfekt. Nur das Ziel meines Ausflugs, schließlich müssen die Umstände genutzt werden, war ein ganz anderes, nämlich die gefühlte Landeshauptstadt Zürich (allerdings finden sich immer noch einige Deutsche, die von Bern wirklich noch nie gehört haben).
Auf meinem Programm standen die großen Sehenswürdigkeiten der Stadt und der Zürichsee mit seinen Ufern. Einen großen Anteil hatten dabei kirchliche Gebäude, aber davon war ich, wenn ich ehrlich bin, zumeist enttäuscht. Richtig sehenswert war nur die katholische Liebfrauenkirche, die im Stil der Beuroner Schule erbaut war. Alle anderen Kirchen gehörten, mit Ausnahme der einen christkatholischen, der reformierten Kirche an. Von Außen gaben sie sogar einiges her, gerade das Grossmünster sieht recht imposant aus. Im Inneren aber hat sich das Programm der Schweizer Reformatoren klar Raum geschaffen, außer einem Vers an der Front gab es keinerlei Verzierung, der Innenraum war vor allem mit Bestuhlung gefüllt. Für mich als Katholiken völlig ungewohnt war auch das Fehlen eines Altares. Ein Foto aus der St. Peterskirche werde ich hochladen, um zu zeigen, wie sehr die Predigt im Mittelpunkt des Gottesdienstes und damit der Architektur steht.
Lustigerweise hatte ich zufällig die Katholische Dogmatik von Gerhard L. Müller im Gepäck, ich habe es aber versäumt damit einen größeren Auftritt hinzulegen. Es war wahrscheinlich besser so.
Weiter Stationen waren die Chagall-Fenster im Frauenmünster, die Altstadt, der Lindenhof, auf dem einst eine römische Festung stand, der Chinesische Garten, ein Geschenk einer Partnerstadt, der leider wegen Winterpause geschlossen hatte (welch Ironie bei 20°C) und die städtische Kakteenaustellung.
Auch die berühmte ETH habe ich von außen besichtigt. Ihre Mensa liegt ein wenig tiefer als der Hügel auf dem das Hauptgebäude steht, sodass eine Terasse einen schönen Blick über die Stadt erlaubt. Weil der Berg aber so hoch ist und Studenten nicht zu sehr schwitzen sollen, führt von der tiefer gelegenen Straße eine Standseilbahn, die sogenannte Polybahn den Berg hinauf, mit der ich natürlich auch gefahren bin.
Eine nette Skurilität fand ich am Ufer des Zürichsees: Die Stadt hat hier inmitten einer Grünanlage einen öffentlichen elektrischen Grill errichtet. Wer will kann per Knopfdruck zwischen 6 und 23 Uhr für 14 Minuten Hitze anfordern um sein Fleisch durchzubraten. Verlängerung möglich, Nutzung umsonst.
Zürich ist eine deutlich lebhaftere, größere und vollere Stadt als Luzern, verliert dadurch aber nicht an Reiz und hat auch seine ruhigen Ecken aufzuweisen. Es gibt hier ebenso einen schönen See und einiges an Wasser in der Stadt, sodass immer wieder ein interessantes Stadtbild entsteht.

Ausflug in die Region

Die Uni bescherte mir für heute und morgen netterweise zwei vorlesungsfreie Tage, sodass ich mal wieder einen Ausflug unternehmen konnte. Dabei kam mir entgegen, dass das Wetter recht frühlingshaft war, also den ganzen Tag die Sonne bei ca. 15°C schien. Mein Ziel lag daher auch im Freien: der Bürgenstock, ein kleiner Berg südlich von Luzern, direkt am Vierwaldstättersee. Die steile Nordwand fällt fast senkrecht 1000 Höhenmeter und bietet so, wenn man einmal oben ist, einen sehr guten Blick auf den See und die Stadt Luzern.
Am frühen Morgen fuhr ich mit dem Zug nach Stansstad, dem Beginn meiner kleinen Etappe, von wo aus der gut beschilderte Wanderweg mich erst ein wenig am See entlang und dann direkt an der steilen Seite hinauf führte. Je höher ich dabei kam, desto mehr Schnee lag auf dem Waldweg, zusammen mit dem alten Laub gab das eine recht schöne Oberfläche zum Rutschen. Nur doof, dass ich aufwärts wollte :)
Außer mir war niemand sonst im Wald unterwegs, die Bergbahnen und Schiffsverbindungen sind bis 2. April noch nicht in Betrieb und sicher trug auch der Werktag zu der sehr stillen Wanderung bei. Durch die Steilheit des Berges, ging es in deutlichen Schritten immer höher, bis ich schließlich nach ca. 2 Stunden in Bürgenstock war. Dieses kleine „Resort“, wie es sich selbst nennt, ist eine Ansammlung von Luxushotels der 5-Sterne Klasse mit Restaurants und Golfclub. Schon Charlie Chaplin und Konrad Adenauer sollen hier Urlaub gemacht haben. Schon seit den 1870ern ist hier reger Betrieb. Nur zum Glück am heutigen Tag nicht.
Dieser Teil meiner Tour war aber nur eine Zwischenstation, denn viel spektakulärer als Hotels ist die Hammetschwand, die eigentliche Steilwand, die man vom See und von der Stadt Luzern aus sehen kann. Zu ihr gibt es zwei Wege, einmal den klassischen Wanderweg, den ich gegangen bin, dann aber auch den romantischen Felsenweg, der aber, wie so alles, um diese Jahreszeit gesperrt war. Er wurde extra für die reichen Gäste um 1900 in den Felsen gehauen, damit sie eine gemütliche Strecke hatten, um die Aussicht zu genießen. Höhepunkt dieses Weges ist der Hammetschwandlift. Er ist der höchste Freiluftaufzug Europas und verbindet das Ende des Felsenweges mit dem Aussichtspunk auf 1132 Metern. Wie gehabt aber nur ab dem 2. April. Wer Google-Earth besitzt kann sich diese ausgefallene Idee auch in 3D anschauen. Andere verweise ich auf meine Fotos bei Flickr.
Aus genannten Gründen erreichte ich die „Bergstation“ des Lifts zu Fuß und genoss eine entspannte Mittagspause in der Sonne, nachdem der einzige Wanderer, der mir an diesem Tag begegnet ist, gegangen war. Ganz ruhig blieb es nicht, denn ein Hubschrauber, der Arbeiten am Berg machte, landete auf einmal 10 Meter vor mir, ließ seinen Copiloten aussteigen und verschwand erst einmal. Ich war ein wenig verdutzt und konnte mir nicht erklären, wofür das gut war, denn rundherum war nichts, was man hätte bearbeiten können. Nachdem der Hubschrauber den Copiloten nach der nächsten Runde wieder eingesammelt hatte, war mir aber klar, worum es ging: Natürliche Bedürfnisse.
Der Abstieg ging relativ flott, wenn ich auch den ursprünglichen Weg nicht finden konnte (Markierungen sind nicht reversibel). Durch den Restschnee ging es sogar ein wenig schneller als geplant. Dabei stieß ich, eher unabsichtlich auf den Felsenweg, ohne auch nur einen Hinweis auf die Sperrung zu sehen. Der Zustand des Weges ließ mich aber von Versuchen zurückschrecken, ihn bis zum Schluss zu gehen.
Unten heil angekommen, fuhr ich wieder mit dem Zug nach Hause und musste zum ersten Mal seit 5 Stunden wieder meine Jacke anziehen. Ein gelungener Ausflug.