Zehn Städte in zwölf Stunden

In Luzern laufen eigentlich die ganze Zeit Unmengen von asiatischen Touristen herum. Die allermeisten davon schauen sich mal eben schnell Europa an. Davon habe ich mich heute inspierieren lassen und einfach mal eben die Schweiz besichtigt. Weil aber an einem Tag kaum mehr als 3 Städtetrips unterzubringen sind, habe ich mich dafür entschieden das ganze auf den Gleisen zu machen. Also kaufte ich mir eine Tageskarte für schlappe 36€ (für das Gesamte Netz der SBB!) und stieg um 6 Uhr in den Zug. Meine Route hatte ich am Tag vorher geplant, indem ich einfach die Städte, die mich interessierten, verbunden hatte. Da ich auch ohne Karte wandern gehe, war es dann nicht so schlimm, dass ich diesen Plan zu Hause vergessen hatte. Aufenthalte habe ich bis auf Sion nie eingeplant, die hatten sich aus der Verbindung jeweils ergeben.

Bern
Hier hatte ich meinen ersten Aufenthalt und nutzt die Chance, einmal die politische Mitte der Schweiz, sofern es sowas in einer Basisdemokratie gibt, zu besichtigen, das Bundeshaus. Leider war es in diesem Teil der Schweiz völlig verregnet, sodass ich nicht mehr als ein Foto machen wollte und schnell wieder in den Bahnhof geflüchtet bin.

Neuchâtel, Lausanne
Zum ersten Mal überquerte ich eine Sprachgrenze der Schweiz, in diesem Fall die der Westschweiz (französische Schweiz sagt hier eigentlich niemand). Das wurde vor allem in den Zügen deutlich, die konsequent alle Durchsagen auf Franzsösich machten. Zum Glück musste man als Deutscher nicht untergehen, die Zugbegleiterin sprach z.B. sehr gut Deutsch, ich würde sogar sagen, ich habe sie auf Anhieb viel besser verstanden, als jeden Deutschschweizer.

Sion(Sitten)
Da mir diese Walliser Stadt besonders empfohlen worden war, hatte ich hier meinen Mittagsaufenthalt eingeplant. Das war alles andere als ein Fehler! Das Wallis ist ohnehin eine sehr schöne Gegend, Sion bietet dazu inmitten der hohen Berge eine mittelalterlicher Stadt mit Festung und vielen alten Kirchen. Unter anderem befindet sich hier eine der wenigen spielbaren Orgeln aus dem 15. Jahrhundert. Deutlich wird hier auch der kulturelle Unterschied, den es zwischen den verschiedenen Sprachgruppen gibt (Das Wallis ist zweisprachig). Exemplarisch sei das an zwei Kirchen gezeigt: In der deutschen Gemeinde war der gesamte Kirchenraum mit Zeugnissen pastoralen Eifers in Form von Stellwänden, kleinen Ausstellungen und biblischen Erzählfiguren gefüllt; auf den Bänken lagen die Kirchengesangbücher bereit. In der französischen Kirche hingegen herrschte historische Nüchternheit, die Buntglasfenster kamen zum tragen, alles wirkte ein wenig der Zeit überlassen; anstatt von Gesangbüchern gab es nur einen Kasten für die Gesänge des Tages auf Einzelblättern.

Brig
Schon wieder ganz im Deutschen angekommen, hatte ich in dieser Stadt nahe der italienischen Grenze noch einen kurzen Aufenthalt. In technischer Hinsicht faszinierend war für mich, dass in so einer kleinen Stadt ein so ausgeprägter Bahnhof vorhanden war. In dieser Hinsicht sollte man den Alpenraum auch nicht unterschätzen, wo es eine Linie gibt, da gibt es auch reichlich Knotennahnhof.

Domodossola, Locarno
Meine Route führte mich auch durch Italien, glücklicherweise gelten auch hier die SBB-Billette. Ab Domodossola bin ich sicherlich die abenteuerlichste Strecke gefahren. Aus dem gewohnten SBB-IR ausgestiegen, empfing mich zu allererst ein typischer Bahnhof Italiens, der Unterschied zur Schweiz war sehr deutlich am Chaos zu spüren :) .
Von dort fuhr ein kleiner Triebwagen einer Privatbahn auf Schmalspurschienen mit winzigen Kurvenradien über die Berge nach Locarno. Das Durschnittstempo betrug in etwa 20 km/h, gehalten wurde an jeder Milchkanne. Dafür war die Landschaft wunderschön, was man durch die langsame Fahrt umso mehr genießen konnte. Jetzt verstehe ich, warum es DVDs mit den „schönesten Eisenbahnstrecken“ gibt. Mit dem Grenzübertritt befuhr ich auch den dritten Sprachteil der Schweiz, das Tessin. Auch hier waren deutliche Unterschiede zu den anderen Sprachregionen zu erkennen. Alles sah aus wie in Italien, nur eben mit der Ordnung und Sauberkeit, die man dort so manchesmal vermisste.

Bellinzona, Arth-Goldau, Luzern
Die letzte Etappe meiner Fahrt war sicherlich landschaftlich nicht weniger sehenswert als der Rest. Aber einerseits wurde das Wetter schlecht, andererseit meine Müdigkeit größer und so nutze ich die Zeit um Schlaf nachzuholen, auf den ich am Morgen verzichtet hatte. Nach etwas mehr als zwölf Stunden war ich wieder am Ausgangspunkt meiner trilingualen Reise angelangt.
Und jetzt kann ich sagen: Ich kenne die halbe Schweiz.