Archiv für März 2010

Nachts im Museum

Gestern Abend bin ich nach Deutschland gefahren, um meiner Freundin bei ihrer Zwischenprüfung seelischen Beistand zu leisten. Weil ich schon am Freitag früh da sein wollte, bin ich bereits am Donnerstag Abend um 7 Uhr in Luzern losgefahren. Die Fahrt war sehr gemütlich, ich konnte viel lesen und bis Frankfurt am Main durchfahren. Auf meinen Strecken fahre ich in der Regel ICE und war daher einigermaßen überrascht, als ich in den IC von Frankfurt nach Mainz eingestiegen bin. Einige Wagengarnituren kenne ich ja, aber das was womit ich dort gefahren bin ist vermutlich vor meiner Geburt zum ersten Mal ausgemustert worden. Das ganze Interieur war in dunklen Holzimitatfarben gehalten, auf dem Boden lag Teppich, der unter meinen Bewegungen ein wenig wegrutschte. Das Muster war so geschmacklos wie die 80er. Die Abteile hatten einen ähnlichen Scharm, alles Metall war in einem hellen Braunton gehalten. Die Sitze waren regelrechte Sessel mit blauem Überzug und einem ausziehbaren Aschenbecher in den Armlehnen. Die Kopfstützen wurden von braunen Lederriemen in ihrer Position gehalten. Ein noch gut lesbarers Schild wies darauf hin, dass die Klimatisierung nur bei geschlossener Tür funktioniere, die genannte Klimaanlage war ein Gebläse, das durchgehend lief und dessen Temperatur man von Hand regeln konnte. Es war insgesamt schon ein recht nostalgisches Erlebnis, das mir viel Freude bereitet hat. Dabei dachte ich mir, dass man solche Wagen, wenn sie dann tatsächlich ausgemustert sind, kaum noch betreten geschweigen denn benutzen darf. Ich war nur verwundert, warum mir das Alter des Wagens von außen nicht aufgefallen war. Beim Aussteigen habe ich es dann gemerkt: Durch die einheitliche Farbgebung in rot und weiß sieht man den Wagen nicht sofot an, was sie verbergen. Wer weiß, vielleicht rollt noch viel mehr Museum durch Deutschland? Einen unschlagbaren Vorteil muss ich aber noch nennen, der dafür spricht, dass die Deutsche Bahn eine gute Wahl getroffen hat, diese Wagen einzusetzen. Dieser IC fährt nämlich bis Hamburg durch, was von Mainz aus bis 7 Uhr morgens dauert. Die altmodischen Sitze lassen sich für den schlafwilligen Reisenden so umklappen, dass zwei gegenüberliegende eine recht passable Liege ergeben.

Modernes Urvolk

Mein vielgelesenes C‘t Magazin hat in der aktuellen Ausgabe (06/10) einige Artikel veröffentlicht, die sich mit der aktuellen Entwicklung des Internets beschäftigen. Dabei geht es um die zunehmende Sozialisierung des Internets, dass sich von statischen Inhalten immer mehr entfernt und indem Dienste wie Facebook und Twitter immer mehr Relevanz gewinnen, weil sie, anders als Google, Inhalte in (zumindest gefühlter) Echtzeit vermitteln. Durch moderne Geräte wie Smartphones und Netbooks und zukünftig wohl auch Internettablets (s. iPad) wird das Internet dabei zum Sammelbecken für gesellschaftliche Interaktion.
Aus einem dieser Artikel möchte ich einen Satz zitieren, der mir, nicht zuletzt wegen des guten Wortspiels, gut gefällt:
„Ähnlich wie vor 7000 Jahren im Anbeginn der geschriebenen Geschichte lässt die Echtzeit-Ethnie sich heute am Ufer eines großen Flusses nieder, des Livestreams.“

Kloster Einsiedeln

Ich brauche euch in Deutschland wahrscheinlicht nicht viel von Eis und Schnee zu erzählen, aber soviel sei gesagt: Wir haben das auch und es war überraschend viel. Und wahrscheinlich für mich umso überraschender, als ich heute einen Ausflug in etwas höhere Lagen gemacht habe (wobei 800 Meter auch noch nicht viel sind, aber immerhin mehr als die 400 in Luzern). Ich habe nämlich die große Benediktinerabtei Einsiedeln besucht, die sich eine Zugstunde von Luzern entfernt befindet.
Der Weg dorthin lohnte sich schon um der Zugfahrt willen, es ging mit dem Voralpenexpress über eingleisige Strecken am Vierwaldstätter- und Zugersee entlang. Dabei stieg die Strecke kontinuierlich an und die Siedlungen rechts und links wurden auch immer kleiner. Je weiter wir kamen, desto weißer wurde die Umwelt, bis schließlich Himmel, Luft und Erde ein einheitliches Weiß bildeten.
Mein einziger Umstieg war in Biberbrugg, einem Ort, von dem nicht einmal Wikipedia genaue Zahlen kennt, der aber ein so wichtiger Knoten in der Region ist, dass hier bis zu 12 Züge in der Stunde halten. Die Ansage auf dem Bahnsteig übernahm dann auch sehr pragmatisch ein einzelner Mitarbeiter durch lautes Rufen. Der Bahnsteig war überdacht, der einzige Zweck des Daches schien aber zu sein, zu zeigen wo Bahnsteig und wo Gleise sind, denn der Schneefall wehte einfach untendrunter durch, sodass die Haltestelle schnell zu Bibberbrug wurde. Die ankommende S-Bahn war von außen so filigran gestaltet wie ein Schützenpanzer – gut, denn alles andere hätte mein Vertrauen bei diesem Schneegestöber nicht gesteigert.
In Einsiedeln angekommen, rettete ich mich vor dem sicheren Tod (durch Erfrieren oder Schneelawinen? Ich weiß es nicht) in die schöne barocke Kirche. Im vorderen Teil besteht sie aus einem Octagon, dessen Mitte eine Marienkapelle bildet, zu der augenscheinlich viele Wallfahrten unternommen werden. An das Hauptschiff schloss sich der weitausladende Chorraum an, der wohl mehr Mönchen Platz bietet, als vorhanden waren. Es kamen aber auch so ganz stattliche Zahlen zusammen.
Ich hatte meine Ankunft so gelegt, dass ich pünktlich zur Messe (11:15 Uhr) da sein konnte. An die Messfeier, die im übrigen sehr angenehm „normal“ war und in der ich zum ersten Mal in der Schweiz den Canon Romanus hören konnte, schloss sich die Sext an, die aber nicht allzu monastisch ablief (die Psalmen wurden von einem einzelnen Lektor verlesen).
Danach spazierte ich noch durch und um das ausladende Kloster, sah die erste Langlaufskischule meines Lebens und entschloss, der kalten Temperatur in die warme S-Bahn zu entfliehen. Nachdem unterwegs die Sonne öfter einmal ihr Gesicht zeigte, wird auch Luzern jetzt wieder sanft gezuckert. Es war ein lohnender Ausflug, mit besserem Wetter hätte man ihn sicher noch deutlich verlängern können.

Ökologie konsequent.

Am Freitag ist mir die Müllabfuhr begegnet. Das passiert oft, aber nie kam sie dabei so ökologisch daher, wie dieses Mal. Es war Sammlung von Grünabfällen, die in biologisch abbaubaren Müllsäcken am Straßenrand standen. Dieses nachhaltige Denken fordert aber natürlich eine ganzheitliche Umsetzung. Daher fuhren die Müllmänner im orangenen Overall nicht etwa im Müllauto durch die Straßen, sondern mit einer Pferdekutsche.