Archiv der Kategorie 'Kommentare'

Peinlich. Peinlich.

In der Schweiz wird am 29. November das bekannte Organ der ältesten Demokratie Europas, die Volksabstimmung, darüber entscheiden, ob es einen Bau von Minaretten im eigenen Land geben wird. Vor dieser Volksabstimmung findet ein Wahlkampf statt, den wir Deutschen nur von der Bundestagswahl kennen. Es werden Plakate aufgehängt und alle Zeitungen diskutieren. Gerade bei einem solchen Thema ist das nicht immer unemotional. Heftig umstritten, und in einigen Städten sogar verboten, sind die Plakate der SVP, die auf die Schweizer Flagge eine Reihe von Langstreckenraketen stellt. Oder sind es eben doch die Türme der Moscheen? Die Botschaft ist klar: Islam ist Terrorismus. Dass die SVP keine Splitterpartei ist, sondern eine der größten in der Schweiz ist, war für mich überraschend. Bei uns gibt es keine Volksparte so hart am rechten Rand (vielleicht noch die CSU in ihren extremen Formen). Ich vermute, das hat etwas mit geschichtlichem Erbe zu tun.
Nun ist diese Diskussion mehr Werbung für das Plakat als eine Verhinderung der Aussagen. Deswegen will ich auch gar nicht weiter darauf eingehen. Interessanter ist es da eine Splitterpartei zu betrachten. Vor denen hat man auch weniger Angst. Ich stütze mich dabei auf einen Artikel aus der NZZ am Sonntag vom 11.10.09.
Die Eidgenössische-Demokratische Union (EDU, in etwa die PBC, ca. 0,5% Stimmanteile) wirbt ebenfalls mit einem Plakat gegen die Minarette. Die gezeigten Fachwerkhäuser stehen dabei für „die Heimat, aber auch das Zuhausesein von Frauen und Männern, die sich in unser System einbinden lassen.“ So der Präsident der Partei. Und in dieses Idyll Schweizer Heimat passt eben kein Minarett.
Dass das nicht passt, sieht Frau Vester auch so. Frau Vesters Familie gehört das Haus auf dem Plakat. Nur ist Frau Vester gar keine Schweizerin, sondern Deutsche und wohnt in Quedlinburg (ca. 700 km weiter weg), wo ihre Familie das abgebildete Hotel betreibt. Sie ist gar nicht begeistert, von der Verwendung durch die Schweizer Partei, die auf keinerlei Rücksprache beruht. Peinlich für die EDU: Familie Vester ist Stadtbekannt für ihre Engagement gegen Rechts, für ihr eintreten für Integration. Und die genannte Tochter des Hauses pflegt wunderbare Kontakte zu Muslimen.
In Erklärungsnöte gekommen, erklärt der Präsident der EDU, dass das Bild einfach im Internet stünde, das könne man verwenden wie man will. Ich weiß nicht, wie das Urheberrecht und das Eigentum am Bild in der Schweiz geregelt sind. Aber meiner Intuition entspricht das nicht (weswegen ich alle Bilder nur verlinkt habe ;-) ).
Und man wolle ja auch bewusst kein Schweizer Haus abbilden, so die EDU weiter. Denn sonst könnte jemand diffamiert werden.
Die Ironie ist fantastisch, da wäre keiner absichtlich drauf gekommen: Das Minarett passt wunderbar zum Hotel. Nur zur Aussage der Partei will es gar nicht passen, es hat wenig von Schweizer Heimat.
Es könnte auch ein sehr subtiler Hinweis darauf sein, dass in der Schweiz zu viele Deutsche wohnen. Aber so viel feiner Spürsinn für einen Auswege aus der Peinlichkeit ist wohl nicht zu erwarten. Familie Vester prüft rechtliche Schritte. Was für ein Schritt gegen Rechts!

Frauen und Männer – eine Analyse

Dass es Geschlechterkonflikte gibt, die auf Unterschieden im Welt- und Selbstbild beruhen, brauche ich niemandem zu erzählen. Interessant ist es jedoch, diese im echten Leben zu beobachten und herauszufinden, wie die Mechanismen funktionieren, die so schnell die Stimmung drehen können, dass man selbst es fast gar nicht mitbekommt. (Vielleicht auch: nur der Mann selbst).
Folgende Situation möchte ich berichten: Die WG meiner Freundin und ich, also zwei Frauen und meine Wenigkeit, machten uns daran PET-Pfandflaschen ihrer Bestimmung im malmenden Automaten zuzuführen. Es kam die Frage auf, ob die Fülle an verschiedenen Flaschentypen an einem Automaten des Discounters Lidl überhaupt angenommen wird. Voller Selbstbewusstsein stellte ich die Behauptung auf, dass dem sicher so sei, denn schließlich trage jede der Flaschen das entscheidende Pfandzeichen und das werde überall akzeptiert. Dagegen setzte die Mitbewohnerin meiner Freundin aber, dass das zum Beispiel bei Aldi nicht so sei und dort eben nur eigene Flaschen angenommen werden würden. Nun stand Aussage gegen Aussage und meine Freundin (Frauensolidarität).
Mein Selbstbewusstsein wurde ein wenig erschüttert, denn tatsächlich halte ich von besagter Mitbewohnerin viel, zumal ihre Aussage sich darauf stützen konnte, dass die eigene Mutter schon bei jenem Supermarkt gearbeitet hat. Allerdings wollte ich mir meinen Glauben in die Verlässlichkeit der deutschen Pfandbestimmungen auch nicht nehmen lassen. So stand ich vor dem schwierigen Entschluss, ob ich auf meiner Meinung beharren sollte oder der Erfahrung einer anderen trauen.
Die Lösung brachte (nachdem alle Flaschen bei Lidl einwandfrei akzeptiert wurden) ein Gespräch mit der schon als Expertin ausgezeichneten Mutter, die mir Recht gab (!), aber durchaus zugab, dass die Automaten zum Teil schlecht oder falsch eingestellt seien und daher die beiden Damen auch im Recht seien (Frauensolidarität).
Bei näherem Betrachten fällt auf, dass ich mit einer allgemeinen Regel argumentierte, die weibliche Front aber mit konkreten Erfahrungen. Entweder waren die Erfahrungen also regelbestätigende Ausnahmen oder aber meine Regel war falsch. Aus sich heraus war der Konflikt nicht zu lösen, denn da wir auf unterschiedlichen Ebenen argumentierten, konnten wir uns nie treffen. Daher war auch die mütterliche Dea ex machina nötig. Für die Männer lässt sich also schon festhalten: Immer Autoritäten außerhalb des eigenen Dunstkreises heranziehen. Alternativ hätte auch ein Experiment vor Ort geholfen.
Für die Frauen lässt sich sagen: Die Männer öfter einkaufen schicken. Oder aber fein zwischen Allgemeinem und Speziellem (Beispielen aus der eigenen Erfahrung) trennen und den Mann an der Nase herumführen, wenn man das vor ihm verstanden hat.
Die schlimmste Waffe auf femininer Seite ist und bleibt aber die Solidarität, die alle Stürme von Ratio und Argumentation überstehen wird. Der Mann, ein geborener Einzelkämpfer, tritt dann wohl besser den geordneten Rückzug an. In dem Bewusstsein es eigentlich doch besser zu wissen.

Ice Age 3(D-Kino)

Gestern Abend waren wir im Mainzer Kino, um zwei Neuigkeiten zu betrachten: Den dritten Teil von Ice Age und seine Umsetzung in der dritten Dimension.
Eins vorweg: 1 Liter Pepsi vor dem Film trinken, kann den Filmgenuss stören oder unterbrechen!
Zum Film: Obwohl es nun schon der dritte Teil ist, wird die Thematik nicht langweilig. Im Gegensatz zum zweiten Teil hat, zumindest nach meinem subjektiven Eindruck, die Stilistik gewechselt. Man kann sich nun kaum noch vor Zitaten retten. Diese werde sowohl sprachlich als auch bildlich umgesetzt. Natürlich sind darunter erstmal Genretypisch, wie z.B. die Flintstones, Jurassic Park und Die Dinos. Aber selbst Jules Verne und andere literarische Größen kommen zur Geltung.
Darüberhinaus werden die Beziehungen neu geordnet, was im Gegensatz zum zweiten Teil mehr Schwung reinbringt. Sogar die vorher etwas nervigen Szenen mit Scrat und seiner Eichel gewinnen deutlich an Reiz. An Slapstick mangelt es nie.
Von inhaltlicher Seite kann ich den Film nur empfehlen. Es gilt das Motto, das die Sendungen um Bernd das Brot so erfolgreich gemacht hat: Erwachsene und Kinder können gleichermaßen lachen, nur an verschiedenen Stellen.
Zur Technik: Die vom Cinestar Mainz verwendete Technik Real-D funktioniert nach dem inzwischen etwas in die Jahre gekommenen Polarisationsverfahren. Das neue ist, dass die Bilder zirkulär polarisiert werden und es daher keine Geisterbild geben soll. Meinem persönlichen Eindruck folgend ist das nicht immer der Fall, aber Irritationen gab es nur sehr selten und vielleicht habe ich sie ja auch gesucht.
Um den Film in 3D zu sehen, muss man eine spezielle Brille aufsetzen, die wie eine überdimensionierte Sonnenbrille aussieht. Die Brillen werden nach dem Film wieder recycelt. Es lohnt sich auch nicht eine Brille mit nach Hause zu nehmen, die Technik kann ohnehin nur genießen, wer eine silberbeschichtete Leinwand oder einen sehr speziellen Monitor hat.
Die Umsetzung der 3D-Effekte im Film war sehr gut gelungen. An einigen Stellen wirkte die Kulisse allerdings so, als wäre sie in 2 dimensionalen Ebenen gestaltet, weswegen der Effekt nicht wirklich überzeugend war. Aber das war nur manchmal so. Gerade die einzelnen Hauptfiguren waren sehr gut anzusehen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir der Film ständig sagen wollte: „Schau mal, ich bin 3D“. Trotz der Zurückhaltung kamen die erzählerischen Mittel nicht zu kurz und man hatte das Gefühl, dass der Film bereichert wurde.
Ohne Brille lässt sich der Film zwar auch erkennen, je stärker aber der 3D Effekt ist, umso mehr nimmt man die zwei getrennten Bilder war, es wird also unschaft. Vielleicht kann man das mit dynamischen Schielen ausgleichen, aber erzählt das bloß keinem Augenarzt.
Ich kann also den Film wärmstens empfehlen. Die Vorschau vor dem Film lässt hoffen, dass viele 3D Filme folgen. Der nächste handelt übrigens von mir: Oben.

Bildungsschreibmaschine

Wen interessiert heutzutage noch eine Schreibmaschine? Im Moment zwei Parteien, den Landtag, der mit einer solchen eine Ausstellung zum 17. Juni in der DDR illustrieren wollte und eine unbekannte Erpressergruppe. Die hat nämlich im Rahmen des Bildungsstreiks die selbe entwendet. Man mag sich schon fragen, was das eine mit dem anderen zu tun hat.
Gemäß den Veranstaltern wenig, denn die leugnen eine solche Tat im Moment noch und schreiben lieber über die Polizei, die sie aggressiv am Eindringen im Landtag gehindert hat. Ich dachte Aggression komme von dem, der sich angreifend verhält. Hier sind aber wohl die Verteidiger, die ja aus gutem Grund nicht schon wieder einen Landtag voller Studenten haben wollten, gemeint. Das ist schon seltsam.
Viel seltsamer ist es, was nun passiert: Es taucht ein Erpresserbrief auf. Die vielfachen Bezüge auf RAF und Schleyer Entführung sind kaum zu übersehen. Erpresst wird mit der gestohlenen Schreibmaschine. Da fragt sich einer doch, wie sich Geschmacklosigkeit und Dummheit so gut paaren können.
Früher oder später müssen auch offizielle Bildungsstreiker zugeben, dass sich in ihren Reihen linke und linksextremistische Gruppen befinden.
Immerhin machen sie ihr Ziel am eigenen Beispiel deutlich. Mehr Bildung! Sonst werden wir wohl alle einmal so werden…

Bildungsstreik – eine kleine Bemerkung

Soeben sitze ich in der Uni und habe einen Programmheft der „Offenen Uni“ vor mir. Der Titel macht neugierig, vielleicht will hier ja jemand ein Studium Generale für jedermann machen. Und: Ja das will jemand, nämlich der ASTA der Uni Mainz.
Allerdings ist dieses here Anliegen ein wenig überlagert von politischer Motivation. Durch Samba, Theater und Vorträge aus dem akademischen Mittelbau soll hier die Uni die Bildungslandschaft umgestalten und die EU aus ihren Entscheidungen zwingen. Uni Bolognese mag wohl keiner mehr. Das scheint vor allem am Hackfleisch zu liegen, denn eine weitere wichtige organisatiorische Grundentscheidung für die „Offene Uni“ (die übrigens in der Kampffarbe Gelb erscheint – aber mit Liberalismus hat das wohl wenig zu tun), ist das Angebot von veganen Speisen auf den Campuswiesen. Klar, da braucht keiner sein Essen mitzubringen und das vegane Essen wird auch nicht von der bösen EU gefördert. Ich kenne auch keinen italienischen Veganer.
Damit es keiner falsch versteht: Veganer sind keine schlechten Menschen, sondern sie teilen eine gemeinsame Idee, nämlich die Welt besser zu machen. Wer von uns tut das nicht gerne. Das eigentlich Spannende an diesem kleinen Programmheft ist die Zusammenstellung. Hier treffen sich Kritiker von Kolonialismus, Globalisierung und freilich auch vom Bildungssystem. Aber auch Verfechter von Esperanto, Menschenrechten und Bioernährung. Noch einmal: Für sich genommen kein Problem und jedermanns gutes Recht.
Doch wage ich es, einmal die Frage zu stellen: Ist das effektiv? Allein die Zusammenfassung des Bundesweiten Bildungsstreiks 2009 in den Nachrichten umfasste eine reiche Liste an Kritikpunkten, die eigentlich wohl nur in einer Revolution zu klären wären. Diese Masse zersplittert sich jetzt alleine an der Universität Mainz in die oben genannten Dinge. Die Idee dahinter war, Bildung selbst zu organisieren. In freier Art und Weise, eben nicht so, wie die Herren und Damen Bildungsminister und Bildungsministerinnen es wollen. Leider schwenkt aber jede dieser Veranstaltungen gleich eine kleine moralische Keule von Links über die Mitte nach Rechts.
Was bleibt da für den Studenten, der sich nicht normalerweise zum Sit-In trifft, der nicht gerne auf Straßendemos läuft, der gerne Fleisch isst und der auch mal die Vorzüge internationler Beziehungen schätzen will? Oder eine fundamentale Frage: Funktioniert dieser Bildungsstreik überhaupt? An welchem Hebel setzt er an? Gibt es einen Mechanismus, der jetzt in Gang kommt? Bevor man auf die mangelnde Unterstützung rekurriert, was im Moment dank eines starken Selbstbewusstseins und einer (wer denkt da an den SPD-Parteitag) inneren Moralisierung noch dauern wird, sollte man sich diese Fragen gefallen lassen und vor allem beantworten können.
Hier verpufft eine Idee in der schieren Masse – wer sich konzentriert, käme hier vielleicht weiter.
Ein Zeichen: Bei der Vollversammlung zum Beschluss des Streiks waren 250 Studenten (0,7%) anwesend. Diese Zahl unterbietet sogar die Schätzung der schärfsten Kritiker.
Was ich sagen will: Der Streik sollte ein Thema fokussieren und das Angebot weniger tendentiös sein.

Die Frage, ob „Streik“ überhaupt die Sache trifft und die Aktion nicht durch ihren eigenen Namen behindert wird, bedarf auch einer Klärung. Wer möchte?