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Erasmus

Gestern Abend folgte ich mal wieder einer der vielen Einladung der Universität an die Studenten, sich zu einem abendlichen Buffet zusammenzufinden. Diesesmal richtete sie sich an die Erasmusstudenten.
Organisiert war das Treffen vom studentischen Mobilitätsteam, was sich dann in den wenig strukturierten Ansagen äußerte. Insgesamt waren wir knapp 20 Studenten. Es war eine interessante Erfahrung, dass wir, bis auf die Australier, alle Deutsch miteinander sprechen konnten. Sogar der Komilitone aus Chicago sprach fließend unsere Sprache.
Im Prinzip ist die ganze Gruppe eine gute Sache: Jeden Monat im Semester gibt es eine gemeinsame Veranstaltung und man hat für alle möglichen Themen einen studentischen Ansprechpartner. Es gibt auch einen Deutschkurs und, weil so viele von uns es sich gewünscht haben, erstmals einen Kurs in Schweizerdeutsch. Soweit haben sich auch die ersten drei Mitglieder der Gruppe als kompetent und interessant erwiesen.
Leider gab es noch einen vierten Studenten, der es für absolut nötig hielt, das Erasmus-Klischee aufrechtzuhalten. Er würzte jeden zweiten Satz mit den Wörtern „Party“ und „Clubs“. Sein kultureller Weitblick und sein Weltverständnis beschränkten sich auf eben diese Topoi und so war er alles in allem laut, nervig und vor allem anstrengend. Naja, ihr könnt euch denken, dass ich von der Vorstellung ein Jahr lang mit Alkohol und Feiern zuzubringen wenig halte. Aber andererseits: Bin ich wirklich so langweilig? Nein ich glaube nicht.
Den Rest des Abends habe ich dann wieder einmal in einem der vielen Konzerte verbracht, diesesmal waren es Chöre aus dem christlich-arabischen Musikinstitut in Jerusalem. Weil die Veranstaltung bis 22 Uhr dauerte, konnte ich noch einige Bilder der nächtlichen Szenerie am See einfangen, ich habe die schönsten hochgeladen.

Die erste Uniwoche

Und wiedereinmal vergebe ich fünf Punkte an den aufmerksamen Leser: Es ist Donnerstag und ich schreibe einen Rückblick auf die erste Uniwoche. Was ist mit dem Freitag passiert? „Nun“, lautet meine Antwort unter einem Lächeln der Genugtuung, „den habe ich bereits vor dem Semester aus meinem Stundenplan gestrichen.“ Da auf den Freitag keinerlei Veranstaltungen fallen, die ich für besuchenswert erachte, widme ich diesen Tag dem Selbststudium und kann so schon heute auf die letzt Woche zurückschauen, was ich jetzt auch tun will.
Zwei Eindrücke sind bei dieser Universität bestimmend: Ihre Größe und ihre Weite. Mit der Größe meine ich dabei ihre Studentenzahl, und vor allem die der theologischen Fakultät. Insgesamt gibt es hier drei Fakultäten, eine juristische, eine kultur- und sozialwissenschaftliche und eben die meine. Die geringe Anzahl erklärt sich, wenn man beachtet, dass hier erst seit dem Jahr 2000 eine wirkliche Universität besteht, vorher gab es nur die theologische Fakultät. Und obwohl diese damit die Wurzel des ganzen Erfolges ist, führt sie doch ein wenig ein Randdasein, denn wirklich gewachsen ist sie wohl fast nie. Das besondere an der Größe ist also ihre Kleinheit.
Ingesamt studieren rund 250 Studenten Theologie und verwandte Studiengänge. Das führt dazu, dass die Lehrveranstaltungen meist mit ziemlich kleinen Stückzahlen besetzt sind, die Extreme liegen zwischen 7 und ca. 30. Dementsprechend klein sind auch die Hörsäle, die sicherlich anderen Fakultäten zumeist als Seminarräume dienen. Es fällt also schwer, hier nicht aufzufallen. Zum ersten Mal ist es mir sogar passiert, dass es in der Vorlesung eine Vorstellungsrunde gab.
Der andere Eindruck, die Weite, ist diesmal wirklich so gemeint, und hängt auch mit dem jungen Alter der Uni zusammen. Es gibt in Luzern weder einen Campus (wenn von Campus Luzern die Rede ist, meint das die ganze Stadt inklusive diverser Hochschulen), noch ein zentrales Gebäude der Universität. Selbiges entsteht im Moment und soll 2011 fertig bezogen sein. Dann soll die gesamte Universität samt Bibliotheken in einem Gebäude residieren. Ich selbst halte das für nicht allzu zukunftsfähig. Bis dahin bezieht der Lehr- und Forschungsbetrieb sämtliche Räume in der Stadt, die auf irgendeine Weise geeigent erscheinen. Interessierte können hier nachlesen, was und wo es alles was gibt. Der Stadtplan liefert dabei einen guten Eindruck von den Wegen, die man zwischen zwei Veranstaltungen (15 Minuten) zurücklegen muss. Mich betreffen im Wochenablauf die Standorte 1, 3, 11, 13, 16 und 18.
Die Räume in denen man dann landet, könnten verschiedener nicht sein. Für mich begann alles im „Herrenkeller“, der sinnigerweise im zweiten Stock liegt. Dieser historische Saal ist durch eine massive, dunkle Holzdecke und große, schwere Holztische geprägt, an denen jeweils lederbezogene Stühle mit hohen Rückenlehnen stehen. Nur ein Aufstellpult und ein Whiteboard vermitelt den Eindruck im 21. Jahrhundert zu sein. Der zweite Raum in dem ich war, ist ungleich moderner und befindet sich ein einem (wohl ehemaligen) Hotel. Die Juristen haben in diesem Gebäude im Ballsaal Vorlesung. Hier gibt es allen Luxus an neuestem Mobiliar, Steckdosen und hochtechnisierten Präsentationstechniken. Und heute Vormittag saß ich dann in der Aula einer weiterführenden Schule. Manch einer berichtet von einem Hörsaal, der dafür bekannt ist, dass man hier gerne einschläft: Ein Kino.
Die Veranstaltungen, die ich besuche, ähneln weitestgehend denen, die ich kenne. Es gibt hier aber zwei neue Fächer für mich, nämlich Gregorianik und Judaistik. In der Judaistik lehrt uns ein Rabbiner über die jüdische Medizin-Ethik. Dazu gibt er uns immer Quellentexte, die er dankbarerweise aber immer übersetzt, sie sind nämlich komplett in modernem Hebräisch geschrieben. In einer weiteren Vorlesung zeigt uns eine Professorin aus Israel die Facetten des jüdischen in der deutschsprachigen Literatur.
Die Gregorianikvorlesung zeichnet sich dadurch aus, die oben genannte kleinste zu sein. Hier gehöre ich zu den wenigen wirklichen Theologiestudenten. Der Rest scheint als Hörer aus Interesse zu kommen. Skurrilerweise sind sogar zwei Maschinenbaustudenten anwesend, die sich so ECTS-Punkte für ihr Studium sammeln können.
Mein Fazit der ersten Woche ist positiv. Mit den Wegen muss ich mich noch ein wenig zurecht finden, aber im Moment bin ich noch sehr motiviert und auch meine Lust an der Bibliothek ist noch nicht vergangen.

Meine Wohnung

Heute nutze ich die Gelegenheit euch etwas über meine Wohnsituation zu erzählen. Zu diesem Zweck findet ihr am Ende des Artikels zwei Grafiken, die mein Zimmer in 3D (und freilich als Modell) zeigen.
Ich erfreue hier 13 qm Zimmer und 3 qm Balkon mit meiner Anwesenheit. Dazu kommt noch ein verhältnismäßig geräumiges Bad, schräg gegenüber auf dem Flur gelegen. Aber immerhin mein eigenes. Das Zimmer ist mit Schrank, Bett, Nacht- und Schreibtisch, sowie drei Stühlen ausreichend, aber auch ausfüllend möbliert. Die Beleuchtung übernimmt leider nur eine große Stehlampe mit Energiesparbirne, weswegen es hier Nachts nicht allzu hell wird. Mein einziges Fenster ist eine ganze Tür, durch die ich bequem mein Zimmer lüften kann, wenn ich durch selbige hindurch gehe, sogar mich selbst.
Zusätzlich zum Inventar habe ich, wie unten zu sehen ist, mein E-Piano aufgestellt und außerdem eine Garderobe an der Tür angebracht. Desweiteren habe ich, auch das erzählte ich bereits, durch nette Gespräche mit dem Administrator ein wenig WLAN hier rein gebracht, sodass mein ebenfalls vorhandenes Telefon eher selten in Gebrauch ist.
Nun will ich schrittweise abstrahieren: Mein Zimmer liegt auf einem Flur mit 4 anderen und ist das kleinste von diesen (dementsprechend auch das mit der geringsten Miete). Die anderen Mitbewohner kenne ich zum größten Teil, ich glaube zwei davon sind aber noch nicht angereist (bleiben auch nur zwei bekannte). Dieser Flur wiederum ist Teil des vierten Stocks des Kiwanis Studentenheims.
Den Namen Kiwanis hat es von seinem Träger, dem Kiwanis-Verein, der wohl etwas ähnliches ist wie Rotary oder Lions Club bei uns. Auf jeden Fall liegt diesem Verein das Wohl der Studenten am Herzen. Insgesamt bietet das Wohnheim drei Stockwerke á 21 Zimmer, also 63 Studenten eine Heimat. Wer sich jetzt fragt, wie ich im vierten Stock wohnen kann, wenn das Wohnheim nur drei hat, darf sich zu den aufmerksamen Lesern zählen und sei informiert, dass die ersten beiden Stockwerke vom Backpackers-Hotel genutzt werden.
Dass der Verein sich um mein und unser aller Wohl sorgt, merkt man an zwei Dingen, die wohl für ein Studentenwohnheim eher unüblich und in diesem Blog bereits aufgetaucht sind: Es gibt ein regelmäßiges gemeinsames Essen und die Zimmer werden geputzt. Das Essen (Halbpension) ist nicht automatisch im Preis inbegriffen, wird aber so verrechnet, dass es sich auf alle Fälle finanziell und zeitlich immer lohnt, es wahrzunehmen. Günstiger würde man wohl kaum an die erforderliche Kalorienmenge kommen. Das Ganze hat wohl auch einen sozialen Hintergrund: Wenn ich manch einen in der hauseigenen Küche bei dem Versuch der Selbstversorgung beobachte, merke ich, dass das gemeinsame Essen das Überleben der Bewohner sichert (andererseits: wann lernen sie es dann?).
Dass ich trotz Essenversorgung die Küche benutze hat zwei Gründe: Erstens habe ich auch Mittags Hunger und zweitens gibt es das gemeinsame Essen nur Montag bis Freitag. Ich halte das für einen ganz angenehmen Mix aus Verpflegung und Selbstverpflegung, weil es unter der Woche den Stress nimmt und am „Weekend“ (schweizerdeutsch) die Freiheit lässt. Die Küche ist für eine Wohnheimsgemeinschaftsküche auch in hervorragendem Zustand.
Nun eine Ebene höher: das Wohnheim liegt fast direkt am Vierwaldstättersee, dem großen See, der, nomen ost omen, die vier Waldstätten Luzern, Uri, Schwyz und Unterwalden berührt. Gegenüber liegen nur noch diverse Wassersportclubs zwischen uns und dem Wasser. Leider habe ich deswegen allabendlich Insekten aller Gattungen und größen in meinem Zimmer. Bis zur großen Bade- und Liegewiese „Ufschötti“ sind es auch nur 100m. Dafür die genannten 1,5 km bis in die Innenstadt.
Direkt neben dem Haus liegt die große Kantonsschule, ergo ist hier immer ein großer Betrieb an Jugendlichen jeder Couleur, die sich vor allem an warmen Tagen zu joggenden Klassen zusammenballen. Wenn man an diesen vorbeigeht, ist es auch gar nicht mehr weit bis zum nächsten Supermarkt, den ich ja, wie oben genannt für meine Mittage und Wochenenden brauche.
So viel für den Moment, über Luzern und die Schweiz werde ich mich sicherlich noch einmal äußern.

Erste Ansicht meines Zimmers

Zweite Ansicht meines Zimmers

Eine Woche hier

Hallo,

seit ungefähr jetzt bin ich eine Woche lang in Luzern. Wie zu erwarten, kommt es mir schon viel länger vor als 7 Tage und ich habe das Gefühl mich eingefunden zu haben.
Mit der Sprache klappt es auch schon immer besser. Mitten in der Woche hat mir sogar eine Mitbewohnerin aus dem Wohnheim gesagt, ich würde sehr gut Schweizerdeutsch verstehen, gemessen an der Zeit, die ich hier bin. Lustigerweise habe ich genau diese Aussage nicht verstanden.
Die letzten Tage habe ich mit den Einführungsveranstaltungen der Theologischen Fakultät verbracht. Da die gesamte Fakultät nur knapp 250 Studenten hat, war die Veranstaltung der Erstsemester nicht gerade überlaufen. Wir wurden sogar im vornherein über einen Raumwechsel wegen hoher Teilnehmerzahl informiert. Das hieß, dass wir in einem Raum mit 30 Plätzen zu 14 saßen. Das ist sogar noch überschaubarer als Mainz.
Richtige Erstsemester waren aber kaum da, denn die meisten neuen haben schon etwas anderes studiert oder stehen mitten im Beruf. Das mag zwar ganz interessant sein, hat aber zur Folge, dass die Gruppe vor allem aus quasi Seniorstudenten besteht. Und wie die es so an sich haben stellen die komische Fragen. Das taten sie auch ausführlich, was die folgenden Stunden und Tage relativ ätzend machte.
An zweien davon bekamen wir eine Einführung in das Bibliothekswesen. Das war auch nötig, denn das hiesige System ist doch ein wenig komplexer als das heimische. Beispielsweise sind zwar alle Titel elektronisch erfasst, die vor 1983 aufgenommenen allerdings nur, indem der alte Zettelkasten gescannt und per OCR ausgewertet wurde. Diese fragwürdige Lösung wird jetzt bis Mitte nächsten Jahres von einer ungarischen Spezialfirma eliminiert. Bis dahin muss man weiter im virtuellen Zettelkatalog suchen.
Der Referent der Bibliothek war darüberhinaus ein ganz schöner Nerd (sein Ausleihkonto war gefüllt mit Büchern über Perl und OpenSuse) und erklärte den leicht verwirrten Alt-Studenten was RSS-Feeds und Blogs sind, einen solchen hat die Bibliothek Luzern nämlich neuerdings. Auch Begriffe wie social-tagging waren dem Rest der Gruppe und meinen Nerven nicht gerade hilfreich.
Nun habe ich immerhin ein wenig Ahnung von der Bibliothek und kann gespannt sein, wieviel ich davon ab Montag brauchen kann. Da geht nämlich mein Semester los.
Vorher werde ich noch ein Wochenende mit meiner Hausarbeit genießen und hoffen, dass das Wetter noch einmal schön wird.

Kulturstudie: Musik in Luzern

Ich glaube nichts ist mir während meines Aufenthalts hier schneller ins Ohr gehüpft, als die ständige Präsenz von Musik in dieser Stadt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht mindestens einmal einer Livemusik begegnet. Schon als ich das erst Mal für nur 2 Tage hier war, hallten abends über den See die Klänge von lateinamerikanischer Musik. Und an meinem ersten richtigen Tag hier war, wie es übrigens wohl fast jeden Samstag ist, Jazz in der Bahnhofshalle. Dort spielen dann von morgens bis abends diverse Bands aller Stilrichtungen. Als ich dann Abends heim ging war im benachbarten Kanuklub ein Alleinunterhalter (allerdings war der das bisher niveauloseste) und bei meinem nächsten Stadtrundgang veranstalteten die Verkehrsbetriebe eine Art Hip-Hop Straßenfest.
Neben diesen Nebenschauplätzen gibt es auch an den offiziellen Orten ständig was zu erleben. In den Kirchen der Altstadt treten ständig Profiorganisten an und begleiten die Gottesdienst. Gestern Abend war ich dann sogar in einem richtigen Konzert. Es war eine Kombination aus 9 Blasmusikern, einem Trommler und der gigantischen Orgel in der Luzerner Hofkirche. Sehr laut und eindrucksvoll. Und vor allem voll. Denn man muss bedenken, im Kulturzentrum Luzern war gleichzeitig auch Konzert. Und das ist es die nächsten Tagen jeden Abend und manchmal sogar tagsüber. Dort findet im Moment nämlich das Lucerne Festival statt, zu dem Orchester aus der ganzen Welt anreisen. Man kann also, wenn man betucht genug ist jeden Abend synfonisch beschließen.
Wenn dieses Fest dann sein Ende gefunden hat und auf die Neuauflage zu Ostern wartet, geht es schon weiter, dann nämlich stehen die Namen Diana Krall und Brian Adams schon angeschrieben.
Und immer mal wieder passieren kleine Überraschungen. Heute Abend stand in unserer Straße ein Musikverein und spielt. Und gestern Nacht nutze ein ebensolcher die muschelförmige Bühne am See für ein kleines Konzert am Sommerabend. Ebenso habe ich schon von der ein oder anderen Jazzkneipe gehört. Ganz normale Diskotheken wird es auch geben, aber ehrlich gesagt ist das nicht so mein Zielgebiet.
Man sieht also: Hier wird es nie still werden. Und für jeden ist etwas dabei. Sozusagen kultureller Overflow.